Abraham trifft Ibrahim

Drei Religionen – ein Gott?

Seit Sonntag, den 19. August umrunden wieder einmal Millionen Gläubiger einen schwarzen Stein in der Kaaba von Mekka. Als Einleitung des viertägigen Opferfestes Eid al-Adha, bei dem weltweit 1,8 Milliarden Muslime ihres Stammvaters Abraham gedenken. Nach dem Morgengebet werden zu seinen Ehren weltweit Millionen von Schafen geschächtet, um an die Geschichte von Abraham und der von Gott angeordneten Schlachtung seines Sohnes Ismael zu erinnern. Eine Story, die ursprünglich vor fast dreitausend von den nomadisierenden Stämmen Israels erdacht worden war. Und die an den unabdingbaren Gehorsam der Juden an ihren Gott JHWH – sprich: Jahu – erinnert.

Gläubige in der Kaaba zur Gebetszeit

Mit einiger Berechtigung kann man sich fragen, was diese alte jüdische Erzählung im 21.Jahrhundert zu suchen hat. Ganz einfach: Mohammed hatte keine Zeit, eine eigene Geschichte über die Entstehung des Menschengeschlechts zu erfinden. Deshalb hat er einfach diese alt jüdische Story gekupfert und phantasievoll bereichert. Wie schon sieben Jahrhundert früher die Christen, die einfach die jüdische Thora zum „Alten Testament“ – zum heiliges Buch der damals noch jungen Kirche – erklärt hatten. Womit dank Mohammeds Bequemlichkeit der Grundstein zu den sogenannten „abrahamistischen Religionen“ gelegt wurde. Was heute manche Religionseliten eucharistisch von einer weltweit vereinten abrahamistischen Kirche schwärmen lässt. In der allerdings jede der drei Religionen das Primat beansprucht.

Führer – Ideologie?

Abraham schleift das Messer

Tatsächlich handelt es sich um eine Geschichte, die an den Kadavergehorsam des Dritten Reichs erinnert. Sie handelt von einem Führer, der von seinen Anhängern verlangt, dass sie für die Ideologie des Führers über Leichen gehen. Sogar über die Leichen ihrer engsten Angehörigen – in Fall Abrahams um die des eigenen Sohns. Bei den Juden und Christen soll der jüngere Isaak dem Gott geopfert werden, bei den Muslimen der erstgeborene Ismael. Es liegt nur in der Entscheidungsmacht dieses Führers, ob sein Befehl letztlich vollstreckt wird oder nicht. Dank des geistigen Horizonts der damaligen Nomadenvölker wurde dieser Führer einfach zum Gott erklärt, dem unbedingt zu folgen sei, um dessen Zorn zu vermeiden. Dass dieser archaische „Gott“ der Vater von Jesus sein soll – wie uns dies die katholische Kirche mit der Kanonisierung des Alten Testaments zur „heiligen“ Bibel weismachen will – wird von vielen Jesusanhängern einfach geistig verdrängt.

Für die Stadtväter von Mekka und Medina war die Anbetung dieses schwarzen Felsens schon immer ein gutes Geschäft. Auch heute sollen die Pilgerscharen Milliarden Euro in die Staatskasse spülen. Aus mohammedanischer Sicht ist daher an der Hadsch als eine der fünf Säulen des Islam nicht zu rütteln. Da es sich bei dieser Geschichte jedoch um jüdisch-christliche Urheberrechte handelt, sollten die Kirchen in Jerusalem und Rom an diesen mohammedanischen Geldsegen paritätisch beteiligt werden. Im Sinne der eucharistischen Idee könnten dafür zusätzlich Christen und Juden zur Hadsch nach Mekka in Bewegung gesetzt werden. Um dort gemeinsam ihres Urvaters Abraham zu gedenken.

Mordbefehl vom Teufel?

Sibylle Lewitscharoff

Verblüffend ist, dass sich diese Geschichte trotz der Aufklärung des 19. Jahrhunderts weiterhin in den Dogmen der sogenannten Christen bis ins 21. Jahrhundert festgefressen hat. Natürlich konnte das letztlich kein göttlicher Befehl gewesen sein, wie dies die Religionswissenschafterin Sibylle Lawitscharoff im Buch „Abraham trifft Ibrahim“ dazulegen versucht. An Hand einer göttlichen Maus, die dem dänischen Gottsucher Sören Kirkegaard in einer kalten Winternacht am 23.Dezember 1841 in Berlin erschienen ist und die ihm die wahre Geschichte über Abraham ausführlich erläutert hat. Eine Maus, die ihm erklärte, dass es der Teufel war, der Abraham diesen Mordbefehl suggeriert hatte. Der Teufel, der damit Abrahams Gottesfurcht auf die Probe stellen wollte. Tatsächlich habe Gott jenen Engel gesandt, durch dessen Kraft die mörderische Klinge um Haaresbreite die Kehle Isaaks verfehlte. Wa sich Isaak dann über seinen Vater gedacht hat, bleibt bei den Juden und Christen unerörtert. Nur Mohammed hat sich darüber Gedanken gemacht: Er ließ Ismael freiwillig zur Opferung schreiten – der konnte daher seinem Vater auch nicht böse sein.

Der von Gott gesandte Mohammed hat sich in seinem Koran stets mit diesem Ibrahim verglichen. Einen der 25 Propheten Gottes, allerdings von allerhöchsten religiösen Rang. Er kommt gleich nach den fünf Gesandten: Adam, dessen Aufgabe die Stellevertretung Gottes auf Erden war; Noah, der die Menschheit vor der Sintflut zu retten hatte; Moses, der ihnen die Gesetze bringen sollte; Jesus als Autor der Evangelien und letztlich als Krönung Mohammed mit der Niederschrift des ihm von Gott in die Feder diktierten Korans.

Glasfenster: Der rettende Engel

Ibrahims Anhänger sollten laut Gottes Verheißung nicht nur ins Paradies kommen, sondern nach ihrem Tod dort auch all ihre Freunde und Weggefährten wiedersehen. Vorausgesetzt, dass vorweg Ibrahim einen seiner beiden Söhne diesem Gott als Opfer schlachtet. Der religionskritische Irak Flüchtling Najeb Wali macht trotz aller Parallelitäten auf die Unterschiede im Islam aufmerksam. Denn Mohammed war sich der Problematik seiner Nacherzählung bewusst. Das ist auch der Grund, warum er ausdrücklich darauf aufmerksam macht: „Ibrahim war weder Jude noch Christ; sondern er war ein wahrer Gläubiger , ein Gottergebener.(Sure 3, 67). Einer, der sich und seine Nachfahren Gott unterworfen hat: „Ich habe mich ergeben dem Herrn der Weltbewohner“ (2, 131) Im Koran ist nicht Isaak das Opferlamm, sondern der Erstgeborene Ismael – der aus Gehorsam gegen Gott bereit ist, sich diesem göttlichen Befehl zu unterwerfen. Der allerdings nicht durch einen Engel, sondern von Gott höchstpersönlich vor diesem unerfreulichen Ende bewahrt wird. ( Sure 337, 107). Eine Unterwerfung, von der sich auch das Wort Islam ableitet. Aus dem arabischen „aslama“ – sich ergeben, Gott hingeben, was einfach mit „Unterwerfung“ übersetzt wird.

Unterwerfung

Verlag Suhrkamp

Ismaels Nachkommen verstreuten sich über das, was man heute die Arabische Welt nennt, die Länder zwischen der Arabischen Halbinsel und Syrien. Sie reden sich laut Wali ein, sie hätten eine sichere Heimat namens „Arabischer Union“, aus der sie alle vertrieben, die nicht zu ihrer Glaubensgemeinschaft gehören. „Ganzen Völkern und großen ethnischen Minderheiten wurde auferlegt, sich der Tyrannei dieser Nachkommenschaft zu beugen, sich an ihren ständigen Kriegen zu beteiligen“. Diese Auseinandersetzungen sind als religiöser Auftrag zu verstehen: Es handelt sich bei ihnen wie bei der gefeierten Opferung Ismaels um „die klare Prüfung“ (Sure 37, 106) des Gottesglaubens. Denn alle Menschen sind seit Mohammed zu jener „Unterwerfung“ verpflichtet, deren Ergebnis Michel Houellebeqc in seinem Roman „Unterwerfung“ bereits treffend prophezeit hat.

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