Das Trennende und Einende

L. Bar-Ami, R.Gehring, A.Hollaender, F.Knöbl, H.Kauf, E.Aslan

Judentum, Christentum, Islam und ein, zwei Jungreligionen zum Thema „Glaubensquellen“ auf einem Podium – das war die Zielsetzung eines „Religious Roundtable“ in Wien. Mit dabei: Mag. Lior Bar-Ami, der 2017 das Amt des Gemeinderabbiners in der einzigen progressiven jüdischen Gemeinde Österreichs, Or Chadasch (Neues Licht) übernommen hat; Dr. Rudolf Gehring, der sich als „katholischer Lebensschützer“ sowie Familien-und Menschenrechtsaktivist versteht und gleichzeitig als Generalsekretär der Christlichen Partei Österreichs politisch tätig ist; Prof. Dr. Ednan Aslan, der seit 2008 als Islamforscher für islamische Religionspädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien tätig war, bis er 2019 überraschend von dieser Funktion abberufen wurde.

Rechtsanwalt Dr. Adrian Hollaender versuchte als Moderator dieser Veranstaltung, dem Trennenden und dem Verbindenden dieser Religionen auf den Grund zu gehen. Für mich war als Diskussionspartner klar: Gleichartig heißt nicht einigend.

Die Erbsünde als Urmutter aller Schuldgefühle

Das Einigende der drei monotheistischen Religionen ist der Glaube an einen allmächtigen Gott. Dessen Allmacht zwangsläufig die Macht der anderen Götter ausschließt. Drei allmächtige Götter sind undenkbar – denn dann wären sie nicht allmächtig. Einigend ist weiters, dass alle drei Religionen Buchreligionen sind. Sie fußen auf heiligen Büchern, in denen die Leitlinien der jeweiligen Religion fixiert sind. Niedergeschrieben mit oder ohne Gottes Hilfe. Einigend ist weiters, dass die jeweils Andren nicht die Gottlosen, sondern die Ungläubigen sind. Einigend ist durch den „Sündenfall Evas“ letztlich die Unterdrückung der Sexualität – obwohl sie die natürliche Quelle unserer Existenz und Basis der Weiterentwicklung der Menschheit ist.

Adam, Eva und die Erbsünde

Die Psychoanalyse hat uns einen neuen Blickwinkel auf religiöse Riten ermöglicht. Etwa durch Sigmund Freud und seinen in eine jüdische Familie hineingeborenen Schüler und Mitstreiter Wilhelm Reich. Ein österreichisch – US-amerikanischer Arzt aus Galizien, Sexualforscher und Soziologe. Seine Therapiemethoden der Psychoanalyse dienen uns auch heute noch als Grundlagen der Körperpsychotherapie. Ein Forscher, der sich intensiv mit den psychischen Grundlagen der Religion auseinandergesetzt hat.

W.Reich in den 20er Jahren Foto: Wilhelm Reich Gesellschaft

Von den Nazis in den Dreißigerjahren als kommunistischer Jude verfolgt, wurden seine Ideen in der McCarthy Ära auch in den USA verfolgt. Er wurde 1956 wegen „Missachtung des Gerichts“ zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt und starb im März 1957 im Gefängnis von Pennsylvania. Ein Teil seiner Werke wurde unter Aufsicht amerikanischer Behörden verbrannt. Dazu gehört auch sein Werk „Christusmord“ (1954), das auch heute noch stark polarisiert. Klaus Maria Brandauer verkörperte Reich 2012 in dessen filmischer Biographie „der Fall Wilhelm Reich“.

Jesu Mutter muss Jungfrau sein

Die Religionen sehen aus psychoanalytischer Sicht die Menschen und deren Sexualität als eine schwer kontrollierbare fickende Masse. Die Religion muss daher verzweifelte Anstrengungen unternehmen, mit den Charakterstrukturen der Menschen fertig zu werden. Das zwang Moses, seinem Volk zehn Gebote und die Regeln für Reinheit und Ordnung zu geben. Die Christen und der Islam folgten dieser Tradition, welche bis heute in unseren Kirchen, Tempeln und Moscheen hochgehalten wird. Wer gegen diese Gesetze verstößt ist sündig. Die Masse braucht daher einen Sündenbock, auf den sie jene Schuldgefühle abladen kann, die ihr die Religionen zuvor eingeimpft haben. Schuldgefühle, die sie ohne diese Religionen gar nicht hätten.

Yom Kippur – Jom Kippur

So ist der Ritus der Beschneidung einer der meist geheiligten Glaubensbestandteilen der Juden und – in verwässerter Form – des Islam. Für Reich verweist dies ganz eindeutig auf die Genitalien als die Wurzeln des Übels. Ein Ritus, der schon zur Geburt die Abtötung der natürlichen Lebensenergie manifestiert. Die Frage, ob man ohne Beschneidung Christ werden kann – die Proselytenbeschneidung – beschäftigte die ersten Jahrzehnte der christlichen Missionierung. So versprach Paulus den vollen Heilsanteil auch ohne Beschneidung – und beseitigte damit für die frühen Heidenchristen ihre Zurücksetzung hinter den beschnittenen Juden. Was ihm diese gemäß zweiten Korintherbrief übel nahmen:

Reich’s Lehrer Sigmund Freud
Foto: Wikipedia

„Sie sind Hebräer? Ich auch! Sie sind Israeliten? Ich auch! Sie sind Abrahams Kinder? Ich auch!  Sie sind Diener Christi? Ich rede wider alle Vernunft: Ich bin’s weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen.  Von Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden…

Heilig oder scheinheilig

Die Scheinheiligkeit der Sexualität zeigt sich auch in der Geschichte von Jesu und der Ehebrecherin. Ein Verbrechen, das mit einer Steinigung zu ahnden ist. Bei dem Jesus laut Johannes (8, 2) den scheinheiligen Schriftgelehrten solange den Spiegel vor die Nase gehalten hat, bis diese beschämt von dannen geschlichen sind. Eine Scheinheiligkeit bei der so wichtigen Frage der Sexualität, die alle drei Religionen bis heute eint. Für Reich das größte Hindernis, die Lehren Jesu anzunehmen. Uta Ranke – Heinemann hat der Entwicklung dieser Sexualität unter dem Titel „Eunuchen für das Himmelreich“ ein ganzes Buch gewidmet – und wurde dafür von ihrem theologischen Lehrstuhl an der Universität Essen verjagt.

Querdenker werden verspottet und/oder liquidiert

Den Evangelien ist zu entnehmen, dass einige Jesu revolutionäre Kritik am Judaismus als vernünftig erachteten. Angesichts des jüdischen Brauchtums und der Gesetze wären sie jedoch nie in der Lage gewesen, das Leben Jesu zu leben. Das hätte nach Reichs Überzeugung ihre Gesellschaft und soziale Strukturen bis ins Innerste erschüttert: Das war der Grund, warum er in Jerusalem ermordet wurde.

Reich im Labor, USA 1944
Foto: Wilhelm Reich Gesellschaft

Erst im 20. Jahrhundert ist es erstmals möglich, das sexuelle Elend dieser Religionen im Zusammenhang mit dem unbewussten Seelenleben und im Zusammenhang mit ihren Vorschriften und Riten anzusprechen. Auch die christliche Religion hat sich nie mit dem Unterschied von primären – natürlichen – Trieben und sekundären – perversen – Trieben auseinandergesetzt. Die zärtliche Umarmung und das Strömen des Lebens im Sexualakt wurde in allen drei Religionen tabuisiert. Und in allen erfolgte eine frühzeitige Sozialisierung, in der die Kinder den Qualen genitaler Frustrationen ausgesetzt werden.


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