DORCAS – Jan Fabres Gazelle für Wien

Die Dorcas in natura

Dorcas – wer oder was ist das? Kaum einer konnte bisher mit diesem Begriff etwas anfangen. Bestenfalls ein paar Wüstenfreaks, welche dieser vom Aussterben bedrohten Gazellenart am Rande der Sahara begegnet sind. Die es aber auch in die Bibel geschafft hat. Wohlschmeckend galt sie geschächtet (Dtn 12.22) den Stämmen Israels als „rein“ und landete daher auch auf König Salomons Speisezettel (1.Kön 5.3).

Wegen ihrer Schnelligkeit und Anmut wurde die einst auch in den Wüsten Arabiens heimische „Ghazal“ der Inbegriff für Erotik und Sinnlichkeit. In der Traumdeutung signalisiert sie den Wunsch der Männer nach einer wunderbaren, aber nur schwer zu erobernden Frau. Und Spiritualisten sehen in ihr jene Leichtigkeit der Seele, nach der sie sich sehnen.

Dorcas – eifrig strickend

So ausgezeichnet, diente sie den alten Israeliten auch als hebräischer Frauennamen: Thabita oder auch Zibja – was im Griechischen zu Dorcas wurde. Und diese Dorcas – dem Namen nach eine schöne, aber schwer zu erobernde Frau – war in der Apostelgeschichte (Apg 9, 36-41) des Lukas eine Jüngerin Jesus. Dass diese außerordentliche Frau heute so wenigen bekannt ist, liegt vielleicht auch an Luthers Übersetzung, in der Dorcas zum Reh mutierte. Mit dem Begriff Gazelle hätten seine Landsleute wohl kaum etwas anfangen können.

Diese Thabita strickte Kleidung, um sie an Arme zu verteilen. Sie war der Inbegriff frühchristlicher Frömmigkeit. Als sie plötzlich erkrankte und in Joppe starb, wanderte gerade der Apostel Petrus auf Missionsreise nach Lydda, um dort Kranke zu heilen. Dorcas Anhänger riefen Petrus zu Hilfe – der auch prompt herbei eilte. Der sie mit den Worten „Tabitha, steh auf“ aus dem Jenseits ins Irdische zurück holte.

Für Lukas war eine derartige Auferstehung kein Problem. Er brauchte nur die alttestamentarische Geschichte der Wiedererweckung der mildtätigen Witwe von Sarpeta durch den Propheten Elija (1 Kön 17, 17-24) auf sein Idol Petrus übertragen. Auch hatte er mit Jesus Erweckung der Tochter des Jairus (Mk 5,21-24 ; 35-43) und der Auferstehung des Lazarus bereits berühmte Vorbilder. Und da die Evangelisten die Apostel nach Jesus Tod fast ins Überirdische erhoben, war in ihren Augen auch für den Apostel Paulus eine derartigen Totenerweckung kein Problem (Apg 20.7-12).

Matteo Sedda als Dorcas

Viele Jahrhunderte beflügelten diese Erzählungen die bildenden Künste. Doch dann gerieten sowohl die Witwe von Sarpeta als auch Dorcas in Vergessenheit. Bis die Vielschichtigkeit dieses Themas nun den Multikünstler Jan Fabre zu seiner tänzerischen Performance „The generosity of Dorcas“ inspirierte.

Bühnenbild: Jan Fabre

Im Odeon Theater feierte seine Kreation im Rahmen des internationalen ImpulsTanz-Festivals eine beeindruckende Weltpremiere. Die Musik von Fabres Lieblingskomponisten Dag Taeldeman scheint dem tänzerischen Solisten Matteo Sedda wie auf den Leib geschneidert. In den sich ständig steigernden Wiederholungen erlangt sie ein Intensität, die wir sonst nur von Ravels Bolero kennen. Unter Fabres Choreographie führt sie den virtuos tanzenden Sedda vor einem faszinierenden Bühnenbild aus Fäden und Nadeln hin zur körperlichen Ekstase – bis zu jener Trance, in die auch der rasende Reigen nahöstlicher Sufis mündet.

Dorcas – verhüllt

Ein Tanz, bei dem sich Dorcas Schicht für Schicht alles Materiellen, Irdischen zu entledigen scheint. Da wird das innere Sein zum Mittelpunkt des Universums. Ein Zustand, in dem sich vielleicht auch die „Gazelle“ Dorcas befand, bevor sie Petrus ins Irdische zurück holte. Eine Performance die zeigt, dass Tod und Auferstehung möglicherweise ganz anders aufzufassen sind, als uns dies derzeit kirchlich gepredigt wird.

Dorcas – enthüllt

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