Manifest eines atheistischen Pfarrers

Als ich meinen Blog „Jesus Fake“ startete, wurde ich zwangsläufig auch mit dem Thema Atheismus konfrontiert. Was hat Gott mit dem Glauben zu tun? Mit jenem lebendigen Glauben, den einst Jesus gepredigt hatte. Was ist eigentlich Atheismus? Damit hat sich der im Juni 2018 verstorbene holländische Pfarrer Klaas Hendrikse in seinem Buch „Glauben an einen Gott, den es nicht gibt“ als „Manifest eines atheistischen Pfarrers“ auseinandergesetzt.

Klaas Hendrikse
Theologischer Verlag Zürich: Manifest

Wie das Wort schon sagt, handelt es sich beim A-Theist um eine Verneinung. Er setzt einen Theismus voraus, einen Glauben an einen oder mehrere Götter, wie wir ihn in vielen Glaubensrichtungen – Katholiken, Calvinisten, Lutheraner, Schiiten, Sunniten, Zeugen Jehovas etc. – kennen. Als Gegenpol zu nichttheistischen Religionen wie etwa Buddhismus oder Taoismus, wo so ein personartiges Wesen, das über Eigenschaften wie Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit verfügt, nicht vorkommt. 

Auch der Atheist ist gläubig

Denn er glaubt, dass etwas, was andere Gott nennen, nicht existiert. Es sagt aber nichts darüber aus, was er selbst glaubt und wie seine Welt ausschaut. Atheisten wird es daher geben, solange es Theismus gibt. Die alten Griechen hielten die Juden für Atheisten, weil sie nur an einen Gott glauben. Und die Römer hielten die Christen für Atheisten, weil ihr Jesus keine Heiligtümer und keine Opfer kannte. Der Atheismus projiziert sich jeweils als Antipode zu einem gerade aktuellen Gottesbild.

Allerdings bekämpfen Atheisten eine mittelalterliche Gottesvorstellung, die aus Hendrikse Erfahrung nur noch von kirchlichen Dogmatikern vertreten wird: „Gott als hocherhabenes allmächtiges Wesen, das einst beschlossen hat, Himmel und Erde zu erschaffen, das Wort an sich selbst richtet und auf diese Weise die Schwerarbeit der Schöpfung eigenhändig und aus dem Nichts in sechs Tagen vollbracht hat, worauf er feststellte, dass alles „sehr gut“ war. Bei genauerem Hinsehen stellten sich die Dinge hienieden dann als ziemlich enttäuschend heraus. So sah er sich genötigt, seinen Sohn auf die Erde zu schicken, was allerdings ein Fiasko zu werden drohte, da Jesus ermordet wurde. Doch gerade das stellte sich als Rettung heraus, denn dadurch konnte eine Kirche entstehen, die bis auf den heutigen Tag bekennt, dass Jesus Christus „unser Herr und Erlöser“ ist. Die überdies überzeugt ist, dass es einen personalen, vollkommenen, voraussehenden, allgegenwärtigen, ewigen, unwandelbaren, doch nichtsdestotrotz gelegentlich zornigen, meist aber gerecht urteilenden und überaus gnädigen Gott gibt.“

Die Nicht-Christen

Ein atheistischer Pfarrer
Man kann Christ sein, ohne an Gott zu glauben
Foto: Reformatorisches Dagblad

Die überwiegende Mehrheit der Christen glaubt das längst nicht mehr. Die meisten sind „A-Christen“ – Nicht-Christen – deren Ablehnung nicht „Gott“, sondern das von den Kirchendogmatikern geprägte Gottesbild betrifft. Eines der beliebtesten atheistischen „Argumente“ lautet: An einen Gott, der so etwas zulässt, glaube ich nicht (mehr). Sie gehen von Hunger, Not und Kriegen aus. Doch Steven Pinker beweist uns in seinem Buch „Aufklärung jetzt“, dass es immer mehr Menschen immer besser geht, es in absehbarere Zukunft kaum mehr das unsere Vergangenheit prägende Elend geben wird: Muss der Atheist daraus schließen, dass es doch einen Gott gibt?

Der Atheist unterschätzt aus Hendrikse Sicht das Gottesbild der heutigen Gläubigen.  Sollte der an einen Gott des Alten Testaments glauben, wie er im Buch Hiob vorkommt? Von dem hat sich schon der „Erzketzer“ Markion im 2. Jahrhundert abgewandt. Von einem Gott, bei dem ein unschuldiger Mensch als Einsatz einer Wette zwischen Gott und dem Teufel missbraucht und dadurch ins Elend gestürzt wird. Gott verkörpert hier alles, was Nicht-Gott ist. „Meint er wirklich, dass ein normaler Gläubiger des 21.Jahrhunderts alles, was ihm gesagt wird, einfach schluckt? Dass er an einen solchen Gott glaubt? Das ist doch nicht zu glauben!“ 

Gott – ein historisches Missverständnis

Hendrikse stimmt den Atheisten zu, dass es diesen Gott der Bibel nicht gibt. Bei diesem Gott handelt es sich nur um „ein historisches Missverständnis“. Indem ein historisches Ereignis – die Flucht semitischer Nomaden aus ihrer Sklaverei beim ägyptischen Pharao im 13. Jahrhundert v. – sechshundert Jahre später in der hebräischen Bibel als „Heilsgeschichte“ interpretiert wurde. Bei der einem „Gott“ die Führung dieser Flucht angedichtet wurde. Und zwar jenem „Schöpfergott“ des (erst siebenhundert Jahre später entstandenen) Buches „Genesis“, von dem zur Zeit des tatsächlichen „Exodus“ aus Ägypten überhaupt noch keine Rede war.

Babylonische Gefangenschaft:
Sklavenarbeit zum Tempelbau

Es geht bei dieser Schöpfungsgeschichte – der Genesis – um eine von den Babyloniern übernommene Erzählung, in deren Gefangenschaft sich die Nachfahren dieser semitischen Nomaden sechshundert Jahre später befunden haben. Und zwar nach der Eroberung ihres Königreiches Juda durch Nebukadnezar II.Die von ihm versklavte Israeliten ersetzten in ihrer Fassung der Welterschaffung die babylonischen Götter durch den Gott der Israeliten, den sie die Welt in sieben Tagen aus dem Hut zaubern ließen. Von einem Gott, den es in dieser Form zur Zeit der früheren ägyptischen Versklavung ihrer hebräischen Vorfahren noch gar nicht gab. 

Alle Macht einem Gott

In herkömmlichen Religionen – etwa bei den Ägyptern oder den Griechen – war die göttliche Macht unter mehreren Göttern aufgeteilt. Jeder hatte seine begrenzte, spezielle Aufgabe und seine spezielle Priesterschaft. Erst mit dem Bestreben während ihrer babylonischen Sklaverei, den eigenen Gott als den besseren, stärkeren, mächtigeren darzustellen, entwickelte sich bei den Israeliten der Monotheismus. Der dem versklavten Volk als Nachweis diente, dass ihr Jahwe der größte aller Götter ist, größer als die Götter der Babylonier. Der sie daher erfolgreich aus dem Joch der Babylonier befreien wird. 

Um Gottes Übermacht hervor zu heben, wurde er behängt mit Attributen, die ihn von der Konkurrenz unterscheiden sollten. Er musste zumindest können, was alle anderen bekannten Götter auch konnten. Nach einer gewissen Zeit konnte er eigentlich alles. Erst der sich daraus entwickelnde Monotheismus vereinigte alle Macht der Götter in einer Hand. Gott wurde allmächtig. Ein Mythos, der als Realität ausgegeben wurde und bis heute die jüdisch-christliche Tradition prägt.

Epikur im Musei Capitol, Rom

Doch die Allmacht ist ein unhaltbarer Begriff. Schon Epikur hatte (im 3. Jahrhundert v.Chr.) das Grundproblem dieser Allmacht aufgezeigt. Es stellte die Frage nach der Herkunft des Bösen, wenn Gott weise, gerecht und gut ist. Gott kann nicht gleichzeitig allmächtig und gut sein. Ein allmächtiger Gott vereinigt unvereinbare Eigenschaften – womit die Grundlage des Atheismus geschaffen wurde. „Genau damit, dass sie diese beiden gegensätzlichen Attribute an Gott festmachte, zog sich die Kirche selbst die Schlinge zu“, zieht Hendikse Bilanz.

Descartes: „cogito ergo sum“ – der Verstand verdrängt die göttliche Allmacht

Mit Descartes „cogito ergo sum“ begann der Verstand diese göttliche Allmacht zu verdrängen. Je mehr sie von der Wissenschaft in Frage gestellt wurde, desto schwerer wurde ihr Stand. Bis Nietzsche am Ende dieses Erosionsprozesses Gott für tot erklärte. „Nur durch einen radikalen Schnitt zwischen Gott und dem Bösen wäre Raum geschaffen für einen glaubwürdigen Glauben an Gott“, handelt es sich bei der Allmacht Gottes um einen „kirchlichen Irrtum“, mit dem die Gläubigen jahrhundertelang zum Narren gehalten wurden. Von dem sich nach Hendrikses Überzeugung jene Kirchen, die überleben wollen, verabschieden müssen.

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