Zeig mir deine Wunde

Wiener Dommuseum 2019

Die Verletzlichkeit der menschlichen Kreatur – das ist das Thema einer Ausstellung, die noch bis 25. August 2019 im Wiener Dom Museum zu sehen ist. Im Zentrum steht – nahe liegenderweise – Jesus.

Pieta

Wie sehr seine Leiden den Künstlern vergangener Jahrhunderte zu Herzen gingen, wurde in derart geballter Form bisher noch nie präsentiert. Im Vergleich sind die parallel dazu gezeigten abstrakten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts saft- und kraftlos. Trotz aller Bemühungen der Kuratoren Johanna Schwanberg und Christian Sturminger, die Gleichwertigkeit der Exponate erfassbar zu machen.

 

 Die Bilder signalisieren: Die vielfach unbekannten Schöpfer dieser Kunstwerke glauben die Erzählungen, die sie hunderte Jahre nach den tatsächlichen Ereignissen in Bildern und Skulpturen darzustellen versuchen.

Kruzifixus 18.Jhdt

Es gibt nur wenige Darstellungen des gekreuzigten Christus, welche die Qualen der erlittenen Passion so drastisch schildern, wie sie ein hölzerner Kruzifixus von Anfang des 18. Jahrhunderts zeigt. Der Leib des Gekreuzigten – aus dem Museum Schnütgen in Köln – ist über und über mit klaffenden Wunden in unterschiedlicher Größe übersät. Teilweise sind sie so tief, dass Gelenke und Rippenbögen sichtbar werden.

Wopfinger Pieta

Die „Wopfinger Pieta“ (1420-1430) ist eine Holzskulptur mit Maria und dem Leichnam Jesus, die in berührender Weise das Leiden jeder Mutter beim Tod ihres Kindes zum Ausdruck bringt.

Der ungläubige Thomas

Und der ungläubige Thomas hat tatsächlich jene Wunden betastet, die Jesus – nach seiner Wiederkunft bereits als strahlender Messias – bei seinem Martyrium erleiden musste.

Giovanni Giuliani 1695

Neben Jesus gibt es eine Vielzahl von Märtyrern, deren Lebensgeschichten den Künstlern reichlich Stoff für ihre Bilder geboten haben. Etwa für den venezianischen Bildhauer Giovanni Giulani im Jahr 1695. Sein Heiliger Sebastian zeigt einen lockigen Jüngling, der wegen seines christlichen Glaubens auf Befehl des römischen Kaisers Diokletian von numidischen Bogenschützen hingerichtet werden sollte.

Märtyrer

Besonders krass werden solche Geschichten, wenn gleich drei enthauptete Heilige ihre Köpfe wie Gaben der Christenheit darbringen.

Hitler statt Jesus

Gezeigt wird auch ein Altarbild, auf dem Jesus 1938 von randalierenden Jung-Nazis durchlöchert wurde. Die sich Hitler statt Jesus als Führer auserkoren hatten. Diese Zeit ist überwunden. Es gibt keinen Führer mehr. Das spiegelt sich auch in der Kunst.

Eine Heilige Sebastian

Mit einem fast faschistischen Zwang zur Demokratisierung der Kunst: Alles ist Kunst, jeder ist Künstler. Das führt dazu, dass Kunstwerke nicht welthaltig und kunstvoll sind, sondern oft nur der ungefilterte Ausfluss eines irrelevanten, meist leidenden Ichs.

Die eigene Verletzlichkeit

Die eigene Verletzlichkeit der Künstler steht daher – völlig außerhalb der christlichen Religion – im Vordergrund. „Angst essen Seele auf“ – diese Erkenntnis hat sich Katrina Daschner 2006 auf ihren rechten Arm eintätowiert. Von Louise Bourgeois stammt die Ste, Sebastienne aus 1992. Ein Selbstportrait, mit dem die Künstlerin die Anfeindung von außen und die daraus resultierende Angst und Kopflosigkeit darzustellen versucht. Bei Günter Brus „Heller Wahnsinn“ spielt das Sichverletzbarmachen im Sinn des Sichöffnens für andere Individuen die zentrale Rolle – was er direkt an sich ausprobiert hat.

Nitsch mit viel Blut

Und bei Hermann Nitsch hat das Blut als Stilmittel die gestalterischen Aufgaben des Künstlers übernommen. Jesus ist im 20. Jahrhundert offenbar vom Kreuz verschwunden. Sein Kampf und sein Leiden haben als Narrativ ausgedient. Er ist es nicht mehr wert, künstlerisch umgesetzt zu werden. Er inspiriert kaum einen, sich ihm in Kunstwerken zu nähern. Die Ausstellung zeigt deutlich: Die Spiritualität wurde den Esoterikern überlassen. Jesus wurde durch Sigmund Freud verdrängt.

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