Christusmord – einst & heute

Cartoon G.Glücl: Letztes Abendmahl

Welterleuchter oder Welteroberer – diese künftige Größe wurde dem Buddha bei seiner Geburt prophezeit. Ähnliches wird auch von Jesus berichtet. Nach dem Matthäus-Evangelium sollte er jedenfalls ein Herrscher werden – ein Sohn Gottes oder zumindest König der Juden. Wozu sollte sich Jesus entscheiden? Wie sehen wir das heute?

Jesus wollte nur Jesus sein

Dieser profanen Frage hat sich der Psychoanalytiker Wilhelm Reich – einst ein überzeugter kommunistischer Atheist – in seinem Spätwerk „Christusmord“ gewidmet. Erleuchter ist einer, der die Macht hat, die Menschen und die Menschheit innerlich zu verändern. Träge Massen haben jedoch keinen Drang zur Veränderung. Das Volk Israel hat daher keinen Welterleuchter erwartet. Es hat in Jesu nur den Messias, den künftigen Weltbeherrscher erblickt. Was für den herrschenden König Herodes nach der Erzählung des Evangelisten Matthäus Grund genug war, den künftigen Konkurrenten schon in der Wiege nach dem Leben zu trachten.

Eine bibliophile Rarität

Reich hat die Theorien und Erkenntnisse Sigmund Freud’s vom Einzelnen auf die Massen angewendet – ein Soziogramm der Massen erstellt. Wie jede Einzelne haben auch die Massen unter Frustrationen zu leiden. Doch diese scheinen unheilbar. Denn heilen kann man nur jeden Einzelnen, so wie es Jesu getan hat. Und heilbar sind nur jene, die bereit sind, sich heilen zu lassen. Weshalb Jesus in jedem einzelnen Fall auch immer gefragt hat: „Glaubst Du?“ 

S. Freud Frustrationen

Die Frustration der Masse – der „Pest“, wie Reich die Zusammenrottung der Einzelnen nennt – lag darin, dass Jesu kein Weltbeherrscher sein wollte. Wer die Evangelien wie Reich studiert, wird leicht erkennen, dass eine derartige Idee Jesu völlig fremd war. Er wurde nur durch seine Jünger und die jubelnden Massen in diese Rolle gedrängt. Doch Jesu war zu deren Enttäuschung nicht bereit, diesen Weg zu gehen.  Deshalb verlangte das von Jesus frustrierte Volk – der Pöbel – seinen Tod. 

Liebe deinen Nächsten….

Für Reich ist dies auf Grund der Psyche der Menschen eine unabwendbare Entwicklung, solange sich die Menschen nicht ändern, solange sie sich nicht von ihren eigenen Frustrationen befreien. Deshalb predigte Jesus: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Reich beschreibt in Christusmord das menschliche Leben vom Standpunkt des Lebendigen: „„Das lebendige Leben wird von Christus repräsentiert. Er ist einfach ungeniert gesund – und allein. Weil er so ist, wie er ist, erinnert er alle anderen Menschen an ihre emotionelle Verkrüppelung. Er ist faszinierend, die Menschen saugen sich mit seinem brillianten Charisma voll, doch sie können nicht so sein wie er, obwohl jeder Mensch diesen Christus, das ungepanzerte, nur lebendige Leben in sich trägt. Die Erkenntnis, dass sie so sein könnten wie Christus und dass sie dieses lebendige Erleben niemals erfahren werden, dass es nicht zu „haben“ ist, diese Erkenntnis ist ein unerträglicher Schmerz. Die einzige Methode, sich Christus zu bemächtigen, ist seine Vernichtung. Und deshalb müssen sie ihn ermorden. Sie ermorden den Christus seither in allen Kindern, sie ermorden ihn in der natürlichen Umgebung und in sich selbst.“

Es handelt sich um eine Frustration, die uns durch die Gesellschaft von Geburt an aufgezwungen wird. Durch Gesetze und Verbote, die der Menschenliebe diametral entgegenstehen. Die die körperliche Liebe und Nähe tabuisieren und die eine heuchlerische Askese propagieren. Die sie mittels Gesetze durchsetzen wollen; die jedoch die Herrscher- damals der Herodes-Clan und die jüdische Tempelelite – für sich selbstvöllig negierten. Wie Herodes – der „Große“ -, der sein sexuelles Verlangen mit zahllosen Ehefrauen und Konkubinen ausleben konnte. Wie auch seine Nachfolger, die in den Evangelien verewigt wurden.

Jesus war nur tot nützlich

Die Masse – die „Pest“ – hat einen toten Jesu gebraucht. Als Toter wurde Jesu zum Weltherrscher hochstilisiert. Zu dem, was er nicht sein wollte und der Pest daher auch nicht liefern konnte. Die ihn bloß für ihre Machtgelüste und für Machtspiele missbrauchte – wogegen sich ein toter Jesu nicht mehr wehren konnte. 

Reich sucht Jesus‘ Liebe

Reich wurde nicht vom kommunistischen Atheisten zum Deisten. Er zeigt bloß, dass Jesu ein derartiger Deismus völlig fremd war, die Menschen in ihn nur einen Gott hineinprojiziert wollen – um sich nicht selbst ändern zu müssen, wie Jesu es von jedem Einzelnen verlangt. Wer die Evangelien – bereinigt von allen alttestamentarischen Weltherrschaftsgelüsten – genau untersucht, findet in diesen den Kern des wahren Jesu: einen Friedensstifter statt eines Welteroberers. Jesu zeigt uns den genitalen Charakter eines im Kern gesunden und lebendigen Menschen. Er stellte die menschliche Liebe den Gesetzen und Gräueltaten des Alten Testaments – und den Gräuel dieses alten Gottes – gegenüber. 

Jesus bleibt allein
Jesus -Cartoon: G. Glück

Seinen wahren Kern zeigte Jesu nur im kleinen Kreis seiner Jünger. Die ihn nicht verstehen, sondern sich im „Neuen Reich“ bloß Ministerämter sichern wollen. Und er predigt vor den Massen, die ihn bloß wie ein lebendiges Kino zur Unterhaltung brauchen. Ein Idol, dass sie auf ihr Schild heben wollen – um es genauso wieder fallen zu lassen. 

Reich ist überzeugt: Solange Jesu als Gott missbraucht wird, werden seine Worte – die uns in den Evangelien im Kern erhalten blieben – zu keiner Erlösung der Menschen von ihren Frustrationen führen. Zu keiner Befreiung von den Leiden, die der Kreislauf von Geburt und Tod mit sich bringt. Es gibt keinen Frieden und keine „Erlösung“, so lange ein Gott Allmacht haben muss: Als Weltbeherrscher zum ausschließlichen Nutzen all jener „Diener“, die damit ihre eigenen menschlichen Herrschaftsgelüste befriedigen.

Reich sucht und findet im Leben Jesu jene echte Liebe, die sich im körperlichen und geistigen Verschmelzen der Menschen ausdrückt. Nicht „Sex“, wie Liebe häufig falsch propagiert wird. Er hat sich damit vom Kommunisten und Psychotherapeuten zum Philosophen gewandelt. Zum Jesusjünger, der den Menschen zu jener Erlösung verhelfen will, die dem Jesus des echten und ursprünglichen Evangeliums – bereinigt vom Alten Testament – vorgeschwebt ist. 

Reich als Jesus-Jünger

Erlösung im Sinne Jesu findet der, für den geistige und körperliche Liebe untrennbar verbunden ist. Eine Einheit, die durch die Gesellschaft von Geburt an durch Erziehung, Verbote und Gesetze – der sogenannten Sozialisierung des Menschen – getrennt wird. Für diese Überzeugung wurde Reich aus der Partei und der Internationalen Psychotherapeutischen Gesellschaft ausgeschlossen. „Die Kinder der Zukunft“ sind Reichs Visionen jener neuen Kultur der Menschen, in der die Gesetze des Lebendigen regieren. Reichs Verdienst war es, die Sexualität parallel zu Freud aus dem Tabu und dem Schmuddeleck herausgeholt zu haben. Der dem Begriff der „Liebe“ eine neue Dimension gegeben hat. In dem Sinn, dem er wahrscheinlich auch Jesus vorgeschwebt ist. Solange sich die menschliche Gesellschaft nicht ändert, wird jeder weitere Jesu von der „Pest“ ermordet.  So lange wird es auch keinen Frieden und kein Gottesreich auf Erden geben. 

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