FASCHING IN WIEN

Uthoff trifft Heisenberg

Anfang Februar wurde dem rechten Künstler Andreas Gabalier im rechten München der Valentins-Orden verliehen. Oh Graus! Für seinen linken Kollegen Max Uthoff war das der Anlass, aus dem rechten München ins linke Wien zu emigrieren. Ins Stadttheater. In diesem alten Ballsaal haben um 1900 die rechten Bürger ihren Bürgerball gefeirt. Jetzt halten dort meist die Linken ihre Veranstaltungen ab. Ein Gabalier hätte an solch freien Ort – wie etwa schon in Matthias  Naskes Konzerthaus – Auftrittsverbot.

Der von der „Süddeutschen“ als „überragend“ hochgelobte Dauergast des ZDF Uthoff spielte im „Stadtsaal“ vor 500 Gefolgsleuten den linken Kabarettisten. Einer, der mutig gegen die rechten Bayern und das faschistische Regime von Kurz und Strache vom Leder zieht. Der mit Breitseiten gegen seinen „Kollegen“ Gabalier und dessen Ordensverleihung das Mariahilfer Publikum zum Lachen animierte. Der seinen eher flachen – aber im Stakkato referierten – Text besinnlich mit einem Zitat von Werner Karl Heisenberg schloss: „Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“.

Heisenberg trifft Sir Bacon

Das macht stutzig. Mit welchem Zweck zitiert Uthoff den 1976 verstorbenen Physik – Nobelpreisträger Heisenberg, den Großmeister der Quantenmechanik und Schöpfer der Heisenberg’schen Unschärferelation? Der stets der Frage nach der „Wirklichkeit“ nachspürte. Der die Energie als Ursache für die Veränderung der Welt angesehen hat – den Stoff, aus dem alle Dinge gemacht werden. Der die Elementarteilchen mit den realen Körpern in Platons „Timaios“ verglichen hat. Als Urbilder und Archetypen, die Ideen der Materie. Als solches die gesuchte Brücke zwischen den Sinneswahrnehmungen und den Ideen. Was wollte Uthoff den Wienern damit vermitteln?

Heisenberg war überzeugt: Die moderne Physik schreitet auf denselben geistigen Wegen voran, auf denen schon die Pythagoreer und Platon gewandelt sind. Am Ende des Weges werden möglicherweise sehr einfache Formulierungen der Naturgesetze stehen – wie sie sich Platon erhofft hatte. Und von diesem Heisenberg soll Uthoffs Zitat stammen? 

Eine Wiki-Diskussion im Internet ergab die richtige Spur: Seine Kinder, der Neurobiologe Dr. Martin Heisenberg und die Autorin Dr. Maria Hirsch-Heisenberg bestreiten nämlich vehement, dass ihr Vater derartiges je gesagt oder geschrieben hat. Sie zeigen: Dieser Spruch ist nicht auf ihren Vater, sondern auf Sir  Francis Bacon zurück zu führen. Dieser schrieb 1601 unter Königin Elisabeth I, der religiös wankelmütigen Tochter von Heinrich VIII.: A Little Philosophy Inclineth Mans Mind to Atheism; But Depth in Philosophy, Bringeth Mens Minds about to Religion“.Ein fundamentalistischer Satz, den Amerikas Anhänger der Tea – Party auch heute vertreten. Er wurde 1709 in Alexander Popes „ An Essay on Criticism“ mit die Phrase des Trinkens und des Bechers bereichert: A little learning is a dangerous thing ;. Drink deep, or taste not the Pierian spring : There shallow draughts intoxicate the brain,. And drinking largely sobers us ..“ Wobei die „Pierian spring“ die in Mazedonien gelegene Weisheitsquelle der griechischen Mythologie symbolisiert.

Bacon trifft von Weizsäcker

Atomphysiker Weizsäcker
Carl F. von Weizsäcker, Atomphysiker

Verwandte Gedanken hegte einst der Physiker und christliche Pazifist Carl von Weizsäcker, ein enger Freund Heisenbergs, den dieser 1964 sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hatte. 1948 führte er in seiner „Die Geschichte der Natur“ angesichts der Atombomben und seiner Forschungen an der Plutoniumbombe aus: „Aus dem Denken gibt es keinen ehrlichen Rückweg in einen naiven Glauben. Nach einem alten Satz trennt uns der erste Schluck aus dem Becher der Erkenntnis von Gott, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott auf den, der ihn sucht. Wenn es soweit ist, dann gibt es einen Weg des Denkens, der vorwärts zu religiösen Wahrheiten führt und nur diesen Weg zu suchen ist lohnend. Wenn es nicht so ist, wird unsere Welt auf die Religion ihre Hoffnungen vergeblich setzen“. 

Der an der Universität Saarbrücken lehrende Biologe Wolfgang Kuhn erwähnte 1979 als Erster das von Uthoff dem Heisenberg unterschobene Zitat im Vorwort seines Buches „Das Eichhörnchen und der liebe Gott“. Der Physiker Dr. Helmut Rechenberg vom Max-Planck Institut in München brachte es 1984 als Zitat aus einem zu Lebzeiten Heisenbergs unveröffentlichten Manuskript, das 2000 in einer Heisenberg-Biographie  des Piper Verlages in einer Heisenberg-Gesamtausgabe weiter verbreitet wurde. 

Innenminister Seehofer

So kam es auch zum ehemalige bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, dem Lieblingsgegner Uthoffs. Der verwendete es bei einer Aschermittwoch-Ansprache als „bemerkenswerten Satz eines deutschen Nobelpreisträgers“. Diese Worte hat DIE ZEIT prompt in ein Zitat Heisenbergs umgemünzt.

Weizsäcker trifft Seehofer

Die Verteidiger der Zitat-Theorie erklären die fehlende Quellengrundlage damit, dass deren Kritiker – die Kinder Heisenbergs – zu sehr an der „Begrifflichkeit“ festhalten, was in diesem Zitat das Wort „Gott“ impliziert. Auf Basis der „sinnlichen Gewissheit“ des Zuckmayer-Preisträgers Robert Menasse sei im spirituell-mystischen Sinne Heisenbergs Ehrfurcht vor dem „ganzen großen Zusammenhängenden“ gemeint. Mit der die Welt durch die Erkenntnis der Quantenmechanik komplett anders zu sehen und damit wahrzunehmen sei. 

Der Faktencheck zeigt: Heisenberg hat das ihm von Uthoff unterstellte Zitat nie gesagt. Wo stand nun Heisenberg? Er, der als Kernspaltung – Experte an Hitlers Atomprogramm mitgewerkt hat. Dem es gelungen ist, Uran unter Neutronenbeschuss in das neue hochexplosive Element  Plutonium zu verwandeln. Hätten sich Politiker sonst je für Elementarteilchen interessiert? Oder für jene Kraft, die die Welt im Innersten zusammenhält.

Seehofer trifft Valentin

Valentin-Preis für Uthoff?

Uthoff hat Heisenberg wohl nur in der Seehofer – Version kennen gelernt. Vielleicht wollte er uns bloß dessen Weltbild näher bringen. Um damit im rechten Wien sein linkes Publikum zu narren. Mit einem Fake, das uns signalisiert, dass er gar kein linker Intellektueller ist. Sondern ein rechter Künstler, der bloß den Linken spielt. Mit diesem Münchner Scherz aus preußischer Kehle dürfte er allerdings den Intellekt seiner Anhänger etwas überfordert haben. Mit seiner Hintergründigkeit hat er bewiesen: Es gebührt ihm und nicht dem Gabalier  der Valentin-Orden. Denn sein Heisenberg-Zitat ist kein Fake – sondern Fasching in Wien.

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