NERO: 2000 JAHRE VERLEUMDUNG

Domus Transitoria Nerone House in Rome

Nero – er war der erste Kaiser, „der unsere Kirche verfolgte“.  So zitiert die englische Historikerin Cathrine Nixey den Kirchenvater Eusebius in ihrem Buch „Heiliger Zorn“. In dessen „historia eccelesiastica“ schildert er die neronische Verfolgung: 

Kirchenvater Eusebius als Verleumder
Kirchenvater Eusebius

„Als Nero sich in seiner Herrschaft bereits sicher fühlte, verfiel er auf verbrecherische Ideen und rüstete sich sogar gegen die Verehrung des allmächtigen Gottes. Es liegt nicht im Plane dieser Schrift, seine Ruchlosigkeit zu beschreiben. Da viele Schriftsteller ausführliche Lebensbeschreibungen des Kaisers überliefert haben, so kann jeder, der will, hieraus das verkehrte, wahnsinnige Wesen des sonderbaren Mannes kennenlernen. Denn nachdem er Tausende von Menschen ohne allen Grund hatte beseitigen lassen, ging er in seinem Blutdurst soweit, dass er nicht einmal seine nächsten Verwandten und besten Freunde schonte, sondern sowohl seine Mutter als auch seine Brüder und seine Gattin nebst unzähligen anderen Verwandten auf verschiedene Weise hinrichten ließ, als wären sie seine eigenen oder des Staates Feinde gewesen.“

Flavius Josephus: Nero kein Brandstifter

Für sein vernichtendes Urteil beruft sich Eusebius auf Tertullian: „Bei ihm werdet ihr finden, dass Nero der erste war, der unsere Kirche verfolgte. Dass er, nachdem er ihr volles Aufblühen in Rom verhindert hatte, furchtbar gegen alle wütete. Wir wollen stolz darauf sein, dass ein solcher Mensch zuerst gegen uns eingeschritten ist.“ Die Mordlust, die Eusebius da dem Nero nachgesagt, diente vor allem dazu, Stimmung gegen heidnische Kaiser zu machen. 

Gleichzeitig war er erfolgreich bemüht, Petrus und Paulus zu Märtyrern zu machen. Zu Heiligen, die „in Rom um ihres Glaubens willen die Ehre des Martyriums empfingen“. Eine Mörder-Story, die seit 2000 Jahren durch die Weltgeschichte geistert und noch heute christlichen Lesern die Gänsehaut über den Rück laufen lässt. Weshalb sie – zur Freude vieler Kirchenhistoriker – auch von Nixey übernommen wurde. Obwohl etwa der italienische Historiker und Publizist Massimo Fini bereits 1993 in seiner Nero-Biographie ein ganz anderes Bild von Nero entworfen. Und analysiert, wie Nero zu dem von Nixey geschilderten Image gekommen ist. 

Ehrenretter Massimo Fini

„Über keine Persönlichkeit der Weltgeschichte, mit Ausnahme vielleicht von Adolf Hitler, ist je so viel Schlechtes geschrieben worden wie über Nero“, analysiert Fini die Quellelage. „Einige christliche Schriftsteller wie Vitorinus, Commodianus und Sulpicius Severus hielten ihn sogar für den Antichristen und glaubten, dass er zu gegebener Zeit wiederkehren werde“. Wobei diese Kabbalisten ihre mystischen Ideen aus der „Offenbarung des Johannes“ ableiteten. Der heilige Augustinus und der heilige Chrysostomus fanden dies zu „blasphemisch“. Nero sei nicht der Antichrist, wohl aber ein Prototyp eines solchen.  

Im Gegensatz zu den verklärenden Märtyrergeschichten christlicher Autoren konnte sich die christliche Religion in den ersten beiden Jahrhunderten fast ohne Unterdrückung durch den römischen Staat ausbreiten. Gerd Lüdemann, Leiter des Instituts „Frühchristliche Studien“ an der Universität Göttingen, beweist, dass erst die Christen die religiöse Intoleranz in die griechisch-römische Kultur eingeführt haben. Diese wurzelt im Ersten Gebot der alttestamentlich-jüdischen Tradition und hat diese Intoleranz Christenverfolgungen durch den römischen Staat geradezu provoziert. Intensität und Ausmaß der Verfolgung von Christen durch Heiden war wesentlich geringer als die Verfolgung der Heiden durch Christen im vierten und fünften Jahrhundert, von den Gewaltmaßnahmen der Christen untereinander und gegenüber den Juden seit dem vierten Jahrhundert ganz zu schweigen.

Gerd Lüdemann, Uni Göttingen

Die Mordlust, die man Nero nachsagte, diente dazu, um gegen ungläubige, heidnische Kaiser Stimmung zu machen. Sein Lebenslauf machte ihn zu einer Projektionsfläche, auf der alle ihre ideologischen Differenzen austragen konnten. Frühchristliche Autoren hatten es da leicht, für ihre Märtyrer-Erzählungen bei Sueton und Tacitus Belege zu finden. Diese zeichneten Nero in den schwärzesten Farben. Sueton, der Kanzleichef Kaiser Hadrians, gehörte zum römischen Rittertum und hatte nach der aktuellen Analyse des Sueton – Biographen F. Della Corte wie fast alle Angehörigen dieser Schicht einen äußerst beschränkten Horizont. Als Sammler von Skandalgeschichten ist dessen Wahrheitstreue von Fall zu Fall zu überprüfen.

Sueton: das Klatschmaul

Neros zeitgenössischen Schriftsteller und Historiker, selbst so kritisch eingestellte Autoren wie Cluvius Rufus, Flavius Josephus und Martial halten Nero hinsichtlich des Rom-Brandes für unschuldig. Auch Tacitus beschränkt sich auf die Wiedergabe des in Rom umgehenden Gerüchts, das Feuer sei von Männern des Kaisers gelegt worden. Im Laufe des Berichts wird jedoch zunehmend deutlich, dass er diesem Gerede keinen Glauben schenkt. Die Behauptung, Nero sei der eigentliche Brandstifter gewesen, wurde erst siebzig Jahre danach von Sueton aufgebracht. Ein weiteres Jahrhundert später hat Cassius Dio diese Story unter Hinweis auf Sueton bekräftigt. Was für Tacitus noch ein Gerücht war, wurde bei Sueton schon zur Gewissheit und für Cassius Dio liegt die monströse Absicht schon klar auf der Hand: „Nero wollte einfach seinen alten Plan realisieren, Rom und das Reich noch zu seinen Lebzeiten zu zerstören.“

Dieser Sueton wird in der Schilderung von Nixey zum Brand von Rom anno 64 n.Chr. als Historiker herangezogen. „Während seine Untertanen um ihr Leben liefen, soll Nero sechs Tage und sieben Nächte lang von einem hohen Turm auf die brennende Stadt hinuntergeschaut haben, entzückt von der Schönheit der Flammenglut. Er vertrieb sich die Zeit, indem er im Kostüm eine Eigenkomposition sang – die Eroberung Ilions (Troja) – die ebenfalls einst ein Opfer der Flammen wurde.“

Nixey - manchmal nicht objektiv
Heiliger Zorn von Catherine Nixey

Unkritisch übernimmt Nixey auch die Erzählung Suetons über „dessen ganz neue Art sexuellen Entertainments: So ließ Nero mehrere Männer und Frauen an Stangen festbinden und streifte sich selbst die Felle wilder Tiere über. Dann wurde er aus einer Höhle gelassen, woraufhin er die Genitale der Delinquenten attackierte, und – nachdem er seine wüste Lust gebüßt hatte – ließ er sich endlich von Doryphoros, einem Freigelassenen, erlegen.“ 

Für den Historiker Fini ist jedoch auffallend, dass die ersten christlichen Schriftsteller die Geschichte vom „Brandstifter Nero“ völlig übergingen, obwohl gerade sie eigentlich daran hätten interessiert sein müssen: „Einige Jahrzehnte nach Neros Tod, also vor Tacitus und Sueton, berichtet der Bischof Clemens von Rom seinen Glaubensbrüdern in Korinth über die erlittene Verfolgung, über Nero als Brandstifter verliert er jedoch kein Wort. Auch Tertullian, der Ende des zweiten Jahrhunderts und Lactantius, der zu Beginn des vierten Jahrhunderts schrieb, beide also nach Tacitus, schweigen sich über diesen Punkt aus. Dies, obwohl sie sich ausführlich mit Neros Regierungszeit beschäftigen und ihn beschuldigen, als erster die Christenverfolgung begonnen zu haben.“

Während Sueton in den Ausschweifungen und der Brandstiftung Neros schwelgt, verliert er kein Wort darüber, dass die Christenverfolgung damit in Zusammenhang steht. „Die Juden vertrieb er (Claudius) aus Rom, weil sie, von Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten“. Tatsächlich war es erst Sulpicius Severus, der Biograph des heiligen Martin, der in seiner „Chronica“ Anfang des fünften Jahrhunderts schreibt: „Er (Nero) schob seine schreckliche Schuld auf die Christen, die fürchterliche Leiden ertragen mussten, obwohl sie unschuldig waren“.  

Sulpicius Severus

Der 2018 verstorbene Historiker und Publizist Hermann Detering beweist in seinem Werk „Falsche Zeugen“, dass die von Sueton berichteten Maßnahmen sich auf die Vertreibung der Juden aus Rom durch Kaiser Claudius im Jahr 49 n.Chr. beziehen. „Bereits unter Tiberius war es zu Spannungen zwischen Juden und der einheimischen stadtrömischen Bevölkerung gekommen. Die fanden mit der Ausweisung eines Teils der Juden im Jahre 19 n.Chr. ihr vorläufiges Ende“. Aufgrund der numerischen Stärke der stadtrömischen Juden, die überdies häufig Bürgerrecht besaßen, wird die Ausweisung aller Juden von einigen Exegeten als unmöglich angesehen. Nach der Göttinger Althistorikerin Helga Botermann bezieht sich Suetons Verweis auf eine angebliche Christenverfolgung auf jene Unruhen des Jahres 49 n.Chr.: „Die Juden, die – angestiftet von Chrestus – ständig Tumulte verursachten, vertrieb er aus Rom.“  

Soweit zur Glaubwürdigkeit des Klatschkolumnisten Sueton und seiner Epigonen. Doch auch der Tacitus ist mit Vorsicht zu genießen. Der reaktionäre Tacitus gehörte laut Fini „zu jener parasitären Klasse von Senatoren und Großgrundbesitzern, die Nero unermüdlich bekämpfte, um deren Macht, deren Reichtum und deren Privilegien zugunsten des benachteiligten Volkes – Freigelassene, Kaufleute und Ritter – zu beschränken.

Die christliche Geschichtsschreibung hatte bei Tacitus aus Finis Sicht eine selektive Wahrnehmung: Wo er über Neros Schandtaten schreibt, wird er für bare Münze genommen. Wo er mit gleicher Unbekümmertheit den Christen jede Art von Schändlichkeiten zuschreibt, wird die Glaubwürdigkeit dieser Quelle in Frage gestellt“. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Kirchenvater Eusebius die von Tacitus gleichzeitig erwähnten christlichen Schändlichkeiten – per flagitia invisos – wegen ihrer Schandtaten verhasst – in seiner Chronik negiert. Der deutsche Historiker Philipp Vandenberg (eigentlich: Klaus Dieter Hartel) geht nachvollziehbar davon aus, dass die oben angeführten Beschuldigungen des Sulpicius Severus von christlichen Kopisten später in den Tacitus Text eingefügt wurden. Der seitdem in der Vulgata und in der christlichen Geschichtsschreibung bis hinauf zu Nixey als „Brandstifter“ gilt.

Losgelöst von Klatsch und christlicher Propaganda ist historisch davon auszugehen, dass der Brand – wie viele zuvor – durch Unachtsamkeit und Schlamperei ausgelöst wurde. In ärmeren Vierteln der Stadt wurde oft leichtfertig mit Kohlenbecken, Öfen, Lampen und Fackeln hantiert. Dort gab es auch kein fließendes Wasser, um einen kleinen Brandherd zu löschen. Angefacht durch starken Sturm behinderten anschließend plündernde Banden die Brandbekämpfung der Rettungsmannschaften. Manche sollen auch zur weiteren Ausbreitung des Feuers beigetragen haben. Einige der Täter wurden gefasst und nach der „lex Cornelia de sicariis“ und der „lex Julia de vi publica“ wegen Brandstiftung angeklagt. Von diesen wurden – wie bei diesem Delikt üblich – einige zum Tod durch Verbrennen mittels „tunica molesta“ verurteilt. Das heißt, ihre Kleidung wurde mit brennbaren Stoffen übergossen und angezündet. Sklaven und Nicht-Römer wurden gekreuzigt, andere einer neueren Hinrichtungsart folgend den wilden Tieren vorgeworfen. Ob sich unter den Verurteilten auch Christen befanden, ist ungewiss. Jedenfalls scheint keiner namentlich unter den von der Kirche aufgelisteten Märtyrern auf. Falls doch Christen dabei waren, beschränkte sich diese „Christenverfolgung“ dem Tatort entsprechend auf Rom. Selbst dort wurde nicht die gesamte christliche Gemeinde verfolgt, sondern nur die Gruppe, die der Brandstiftung verdächtigt wurde. Jedenfalls fanden diese Hinrichtungen bereits im Jahre 64 n.Chr. ihr Ende. 

Vielleicht kannte Nixey weniger die umfangreichen Forschungsergebnisse rund um Nero als die von ihr zitierten Hollywood Produktionen, die auf dieser christlichen Geschichtsschreibung basieren. „Machwerke über das antike Rom im Stil von Quo vadis, in denen ein entfesselter Peter Ustinov eine denkwürdige Version des Kaisers liefert“, wie Fini diese Art „historischer“ Berichterstattung pointiert kritisiert. „In Wahrheit war Nero ein hervorragender Staatsmann. Während seiner vierzehnjährigen Regierungszeit erlebte das Römische Reich eine Periode des Friedens, des Wohlstands und der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte, wie es sie weder vor noch nach seiner Zeit je erfahren hat“, vereinigte er nach Fini in seiner Persönlichkeit Züge eines gebildeten Renaissancefürsten mit denen eines Aufrührers und eines vergnügungssüchtigen Halbstarken. 

2 Antworten auf „NERO: 2000 JAHRE VERLEUMDUNG“

    1. 59n. hat Nero seine Mutter Agrippina ermordet. Tacitus hat dazu eine echte Räuberstory komponiert. Der tatsächliche Ablauf dürfte jedoch anders gewesen sein: 41n. wird Kaiser Caligula ermordet. Claudius wird sein Nachfolger. 48n. lässt Claudius seine Frau Messalina ermorden, um Agrippina zu heiraten. Danach adoptiert er ihren Sohn Nero. 54n. vergiftet Agrippina ihren Ehemann Claudius, um ihren Sohn Nero zum Kaiser zu machen – und damit ihre Macht auszuweiten. Sie lag in den ersten Monaten von Neros Herrschaft mit dessen Lehrer Seneca in einem erbarmungslosen Machtkampf. Die Mutter des Kaisers hatte zu diesem Zeitpunkt mehr Macht als der junge Nero selbst. Es wurden sogar Münzen mit ihrem Porträt geprägt. Auf Senecas Rat wurde Agrippinas Einfluss beschränkt. Die attraktive 43jährige machte daraufhin ihrem 22jährigen Sohn Avancen, um so ihren Einfluss wieder auszubauen. Nero, der seine Mutter bewunderte, war entsetzt. Doch diese ließ nicht locker und begann weiter zu intrigieren und sich einer Blutschande zu rühmen, die gar nicht stattgefunden hat. Damit wäre Nero als Kaiser untragbar geworden. Sie war somit für Nero eine tödliche Gefahr. Es war somit eine Frage, wer wen früher ermordet. Nero war der Schnellere und blieb damit an der Macht.

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