Neue Velozipede anno 1888

Corona-Zwangspausen eignen sich ideal zum Schmökern in alten Büchern.  Fernab von Juristerei, Philosophie oder Theosophie. Etwa im „Stein der Weisen“ aus 1888. Das war das Jahr, in dem Siegfried Marcus im mährischen Adamsthal gerade an seinem „Marcus 2“ schraubte.

Der zweite Marcus – nun im Technischen Museum Wien

Eine Zeit, in der nur Pferdedroschken und Fahrräder die Fußgänger gefährdeten. Vor allem die gefährlichen Hochräder führten zu spektakulären Unfällen.

Zu Fuß am Rad: Die Draisine 1817

Eingeleitet wurde dieser unselige Trend durch Baron Karl von Drais, als dieser 1817 die nach ihm benannte „Draisine“ zum Patent angemeldet hatte. Ganz ohne Pedale, eignete sich sein hölzernes Pferd vor allem für Talfahrten. Mangels Bremsen bevorzugte er für dieses sportliche Hobby eher ebene Pfade.

1861 hatte der französische Wagnermeister Pierre Michaux die Idee, derartige – inzwischen verbesserte – Vehikel mit einer Tretkurbel und Pedalen am Vorderrad auszurüsten. Das „Velociped“ war geboren. Es wurde auf der Weltausstellung 1867 in Paris zum vollen Erfolg. Danach kamen Besserwisser auf die Idee, dass ein größeres Vorderrad höhere Geschwindigkeiten ermöglicht – das Hochrad eroberte die Straßen.

Die Unfallsverhüter warnten vor den fatalen Folgen. Das in England entwickelte und von den Hochradakrobaten verachtete Niederfahrrad – daher „Safety“ benannt, bot die erforderliche Sicherheit. Natürlich mit einem stabilen Eisenrahmen – allerdings auf schmalen Eisenrädern.

Marlboro-Club Tricycle

Den Damen von Welt schien auch dies eine zu unsichere Alternative. Das Tricycle wurde kreiert und erlangte in kurzer Zeit Kultstatus.

Da das Solo-Treten ein wenig amüsanter Freizeitsport ist, gelangte auch das Tandem zu hohen Ehren.

Für Damen selbstverständlich in einer Dreiradversion – sicherheitshalber mit einem hinteren Stützrad – sicher ist sicher! „In Bezug auf die zu erzielende Schnelligkeit und die Eleganz in der Erscheinung gebührt dem Bicycle der Vorzug“, urteilt der Fachmann 1888. „Bei Bequemlichkeit und der allgemeinen Nützlichkeit steht das Tricycle voran.“ Mit der Empfehlung: “ Die Damen haben daher stets Letzteres zu wählen.“

Vom Tricycle zum Hollandrad

Der Packesel der britischen Post

Derartige Tricycle eigneten sich auch ideal zur Paketzustellung – längst, bevor Amazon seinen Paketdienst erfunden hatte. So erfreute sich dieses Packet-Tricycle bei der englischen Post hoher Beliebtheit.

Ob wertvolle Paketzustellungen mit einem Begleitschutz auf einem „Military-Safety“ gesichert wurden, ist ungewiss. Möglicherweise ließen sich heutige Mountainbikes auf diese Weise jagdkonform umrüsten.

Als Vorbild für Mountainbikes bestens geeignet!!

Die Hersteller machten damit jedenfalls gute Geschäfte. Hillman, Herbert & Cooper wurde mit vier Werken in Coventry zum weltweit größten Fahrradhersteller. Und mauserte sich zum Motorrad- und Automobilhersteller. Hillman’s „Premier“ war 1911 „state of the art“.

Zeitensprung: Hillman‘s erstes Motorrad 1911 – wurde später mit Singer in Coventry fusioniert
Die „Violette“ aus dem Jahr 1911

Die Fabrikantendynastie Hillman entschloss sich, in die Motorisierung einzusteigen. Mit „vioturettes“, wie damals die ersten leichten und erschwinglichen Autos genannt wurden. Die Automarke wurde 1928 von Humber gekauft, 1967 von Chrysler übernommen und fand 1976 ein unrühmliches Ende.

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