Wie gründe ich eine Religion?

Am 13. Mai hätte Adolf Holl seinen 90er feiern können. Wenn er sich nicht schon im Jänner von uns verabschiedet hätte. Ein Ketzer, wie manche sagen. Ein scharfsinniger Religionskritiker – wie andere ihn sehen. Jedenfalls ein ungeheuer vielseitiger Mensch. Dessen Leben als Priester, Gelehrter, Unruhestifter und Zeitanalytiker sein Biograph Dr. Harald Klauhs in dem Buch „HOLL – Bilanz eines rebellischen Lebens“ verewigt hat.

Holl: Bilanz eines rebellischen Lebens

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Buddha ist im Wald verschwunden
Buddhas Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum

„Ich selbst neige zu der Auffassung, dass Gott eine jede Religion gelten lässt, solange sie die Menschen nicht unglücklicher macht, als sie ohnehin schon ist“, fasste Holl im Jahr 2010 seine religiöse Weltsicht in seinem „Brevier“ (Residenz-Verlag) zusammen. Was ist für so eine Religion aus seiner Sicht nötig? Das hat er bereits 2009 im amüsanten Leitfaden „Wie gründe ich eine Religion“ zusammengefasst.

Buddha ist im Wald verschwunden, Jesus in die Wüste gegangen, Mohammed in der Höhle gehockt, um sich einen Namen zu machen. So haben früher Religionen begonnen. Holl’s locker formulierte Ideen, wie man heute eine Religion gründen könnte, sind ihm beim Frisör gekommen. Angesichts mittlerer bis größere Katastrophen beurteilt er „die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst“. „Holl hatte genug von Glaubensbekenntnissen aller Art“, beschreibt Klauhs die Metamorphosen Holl’s. „Er macht sich an die Entgottifizierung beziehungsweise Nullifizierung.“ Und auf die Suche „nach dem vulkanischen Wesen der Religion“. Dafür ist eine neue Religion erforderlich. „Wenigstens für meine zwei Katzen“, blickt er zurück ins alte Ägypten. Wo diese Katzenwesen es „mit jenseitiger Würde“ zu einem religiösen Status gebracht haben.

Mohammeds Grotte am Berg Hira

„Ledig, keine Kinder. Verheiratete sollten keine Religion gründen, weil die Sippschaft immer Probleme macht, wie der Islam zeigt. Verwitwet ist die zweitbeste, geschieden die drittbeste Lösung“, analysiert Holl das für Religionsstifter erforderliche familiäre Umfeld. Das geistige Umfeld scheint um 500 vor Christi besonders anregend gewesen zu sein: In China lebten Konfuzius und Laotse; in Indien entstanden die Upanischaden, Buddha erschien auf der Bildfläche; im Iran lehrte Zarathustra; in Palästina traten die Propheten Elias. Jesaja und Jeremia auf; in Griechenland dichtete Homer und grübelten die Philosophen Parmenides, Heraklit und Platon über den Sinn des Seins. „Die Frage, ob Religion von Haus aus eine männliche Angelegenheit ist, sitzt als Stachel im Fleisch der Frauen.“ Denn aus Holl’s Sicht haben es Frauen angesichts maskuliner Omnipotenz recht schwer, eine neue Religion zu gründen. Männer können bei derartigen Neugründungen auf eine berühmte Ahnengalerie (bis hin zu Abraham) zurück greifen – eine Frau muss ganz von vorne anfangen.

Auch Männer haben es bei der Propagierung einer neuen Religion nicht leicht: „Selbst wenn ich die Chance bekomme, meine Religion zur besten Sendezeit einem Millionenpublikum verständlich zu machen, werden sich höchstens zwei Dutzend Interessierte bei mir melden, alle mit einem schweren Dachschaden“, gehört zur Religionsgründung daher Ausdauer. „Unerlässlich ist dabei eine gewisse Lebhaftigkeit bis ins hohe Alter – wenn keine Alzheimer dazwischenkommt“, kritisiert Holl in diesem Zusammenhang die Freud`sche Analyse, dass Religion bloß eine infantile Wunschbefriedigung sei. „Ohne es zu wollen, geriet er damit in die Gesellschaft asketischer Priester, die so gern durch das Schlüsselloch des elterlichen Schlafzimmers spähen“, hat eine derartige frühreife Wissbegier „den Beichtstuhl und die heilige Inquisition erfunden“.

Eva bloß eine männliche Rippe?

Natürlich gehört zu einer Religion auch eine Schöpfungsgeschichte. Wie etwa in der Bibel: „Als dichtkundige Kamelzüchter vor dreitausend Jahren eine Geschichte vom Paradies erzählten, die das Geschlechterverhältnis männerfreundlich regulierte“. Obwohl es dazu auch ganz andere Erzählungen gibt. Etwa in älteren Quellen, wie jene der in Nag-Hammadi in einem Tonkrug versteckten „Schrift ohne Titel“. Dort findet Holl eine Eva, „die zunächst als alleinerziehende Mutter ohne männlichen Erzeuger auskommt.“ Sie ist es, die – im Gegensatz zum biblischen Text – ihr männliches Ebenbild zum Leben erweckt. „Und unter dem Baum der Erkenntnis entdeckt sie, wie schön Liebe sein kann“. Eine Eva, die über die Geschichte lachen würde, sie stamme bloß von der Rippe eines Mannes ab. Eine alte religiöse Legende, die Holls frauenfreundliches Weltbild nicht trüben konnte.

„Marktwirtschaftlich betrachtet lässt sich Religion als Ware auffassen, die der Kundschaft die Konfrontation mit vernunftwidrigen Lebensumständen erleichtert“, sind derartige Widrigkeiten für Holl der Grund, „weshalb in Kosmopolis so viele neue Religionen gegründet werden“. Nach dem Motto: Öfter etwas Neues. „Dabei handelt es sich so gut wie immer bloß um Varianten der beiden Prototypen religiöser Sinngebung: dem Eingottglauben aus Ägypten und dem Null-Programm aus Indien“.

Der Vorteil dieses neuen, vielfältigen Religionsangebots: „Wer den Glauben verloren hat, kann sich ohne weiteres einen neuen besorgen. Selbst jene, die mit der Religion bislang nichts am Hut haben, finden das eine oder andere Schnäppchen. Selbstverständlich ist auch für Atheisten, Naturalisten, Kommunisten, Spiritisten, Fundamentalisten, Anarchisten, Nihilisten, Exorzisten. Terroristen, Sozialisten, Sadisten und Okkultisten etwas auf Lager.“ Um entsprechende Marktanteile an der „Ärztlichen Seelsorge“ – so der Buchtitel des Wiener Neurologen Viktor Emil Frankl – kämpfen Priester und Psychiater. Er schrieb: „Das Ziel der Religion ist das Seelenheil, das der Psychotherapie die seelische Heilung.“ Holl schafft es, diese verwandten Zielsetzungen subtil zu trennen: „Das altmodische Seelenheil kostet nichts oder allenfalls eine milde Gabe; die moderne Psychotherapie ist honorarpflichtig.“

Vom Theologen zum Philosophen

Was macht aber der, der bislang ohne psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe zurechtgekommen ist, spirituell aber unruhig blieb? „Der sucht eventuell den Weg zur astrologischen Orientierung im Weltgefüge“. Allerdings sackte die würdige religiös-rituelle Sterndeutung des Altertums in der Neuzeit auf ein simples Gewerbe ab. Wie etwa beim Hof-Mathematicus und Entdecker der Planetenbewegungen Johannes Kepler. „Der war kein Phantast. Gleichwohl besserte er sein Budget mit dem Errechnen und Interpretieren von Horoskopen auf.“ So auch für Wallenstein. Wohl wissend, dass jene „Wahrheit“, die dieser von ihm wissen wollte, nicht in den Sternen steht. „Wer das verlangt, habe das Licht der Vernunft, das Gott ihm angezündet, noch nie recht geputzt“, richtete er Wallenstein aus.

Wichtig ist es für einen Religionsgründer, die Kunst der Manipulation zu beherrschen. Darauf hat der „entsprungene Dominikanerpriester und freiberufliche Philosoph“ Giordano Bruno in seiner erst Jahrhunderte später veröffentlichten Schrift „De vinculis in genere“ verwiesen. Die wirksamste Form manipulativer Kundigkeit äußere sich in der sorgfältigen Pflege der Überzeugung, einer guten Sache zu dienen. „Propheten und Religionsgründer aller Zeiten hätten es meisterlich verstanden, Selbstverleugnung und Opferbereitschaft in den Herzen der Gefolgschaft zu wecken“. Wie ihnen das geglückt sei, das habe Bruno an Zauberei erinnert. „Zwischen Magie und Religion zog Bruno ohnehin keine festen Grenzen, was für die Unvoreingenommenheit seines Denkens spricht“, ist es für Holl nicht verwunderlich, dass der ihm geistige verwandte „Ketzer“ anno 1600 öffentlich auf dem Campo di Fiori in Rom verbrannt wurde.

Ein derartiges Schicksal blieb dem Freigeist Holl erspart. Er wurde bloß ins barocke erzbischöfliche Palais neben dem Stephansdom zitiert. „Dort bin ich gelegentlich gewesen, wenn es mit dem Chef etwas zu besprechen gab“, erinnert er sich salopp. Diese Gespräche endeten mit seiner Entlassung aus dem kirchlichen Dienst wegen „unkonventioneller Auffassung über die Entstehung des christlichen Gottesdienstes“: Bei diesem wird als Höhepunkt der Feier des Letzten Abendmahls der Herr Jesus mit seinen Jüngern vergegenwärtigt. Mit den Worten: „Nehmet und esset, mein Leib; nehmet und trinket, mein Blut.“ Was der Kirchenrebell Andersgläubigen nüchtern erläutert: „Jetzt kommt die gute Nachricht. Gegessen und getrunken wird Brot und Wein, nicht Fleisch und Blut.“

Eine Religionsauffassung, die insbesondere bei Katholiken nicht gut ankommt. „Eigentlich müssten sie eine neue Kirche gründen“, riet ihm der Kardinal bei diesem Abschiedsgespräch. Ein Rat, den Holl gleich literarisch verarbeitete. Dessen ketzerischen Gedanken zu den kirchlichen Dogmen hätten ihm früher Verbannung oder den Tod beschert. „Heute darf ich völlig gefahrlos meine Religion gründen, weil sich fast niemand mehr für sie interessiert“, zieht Holl nüchtern Bilanz. Die heutige Zeit hat die einstigen Glaubensverkünder in die Wüste geschickt. Jetzt muss eine Lösung her. Eine neue Religion. Eines ist Holl sich dabei sicher: die brauchbare Religion muss erst erfunden werden.

Wann wird man Atheist?

Die Frage, ob er an Gott glaube, setzte Holl in Verlegenheit. Gibt es eine gottlose Religiosität? Wird man zwangsläufig Atheist, sobald man den kindlichen Glauben vom „lieben Gott“ ad acta gelegt hat? Der schönste Satz der Bibel lautete für ihn: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.“ Deshalb war Holl überzeugt: „Eine davon steht für mich bereit, ab sofort. Meine bessere Hälfte und die Katzen darf ich mitnehmen“.

Wie eine derartige Religion aussehen könnte, hätte er vielleicht in dem soeben erschienen Buch „JESUS trifft BUDDHA – Das atheistische Evangelium“ gefunden. Eine Evangelienharmonie aus den ältesten verfügbaren Handschriften, vom Anonymus Karl Kolm in ein heutiges Deutsch übersetzt. In der Jesus ohne Jahwe als Gottvater und ohne Heiligem Geist auskommt. (Wodurch sich die später daraus entstandene „Kirche“ alle Trinitäts-Haarspalterei erspart hätte.) Einem Jesus, der auch keinen Anspruch erhoben hat, Gott zu sein. (Was erst später in seine Lehre hineingedichtet wurde.) Der sich – wie Buddha – lediglich als Wegweiser gesehen hat. Einen Weg, den jeder für sich zu beschreiten hat. Wie auch Holl oder Bruno ihren Weg gegangen sind.

JESUS trifft BUDDHA

3 Antworten auf „Wie gründe ich eine Religion?“

    1. Leider musste die Buchpräsentation von JESUS trifft BUDDHA schon dreimal verschoben werden. Wenn es soweit ist, sind Sie dazu herzlich eingeladen.

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