Wieso Jan Fabre?

Fabres kritischer Blick auf unsere Religion

Jan Fabre

Um sich für die Worte des Predigers Jesus von Nazareth zu interessieren, braucht man weder an Gott noch an die Kirche zu glauben. Es ist einfach spannend, den Gedanken und Vorstellungen dieser zweifellos außergewöhnlichen Persönlichkeit zu folgen. Wenn man sich mit dessen überlieferten Worten auseinander setzt, erhebt sich zwangsläufig die Frage: Fälschung oder Original? Denn Fälschungen gibt es nicht nur bei Kunstwerken. Die gibt es auch bei den Evangelien. Und gar nicht so wenig.

Fabre in Florenz

Deren Bearbeiter und ihre Epigonen waren – und sind auch heute noch – um die „Geschichtlichkeit“ ihres Messias bemüht. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde Jesus – in Verfälschung seiner Worte – von seinen Anhängern zum Messias und Gott erklärt. JESUS FAKE deckt die schon früh einsetzenden Verfälschungen im Interesse einer nach Macht strebenden jungen Staatskirche auf. Diese Tendenzen gibt es bis heute. Schon Immanuel Kant stellte fest: „Die Lüge ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.“ Diese sollen auf der neuen Diskussionsplattform kritisch hinterfragt werden. JESUS FAKE möchte damit das Interesse an Jesus Wirken wiederbeleben. Wer ihm dabei folgen möchte, benötigt dafür keinen gütigen und keinen strafenden Gott, keinen Himmel und keine Hölle und auch keine heilige Dreifaltigkeit.

„Die Selbstkritik hat viel für sich …“

Fabres kritisches Selbstportrait Eremitage – Foto: Hervé Leyrit

Aber was hat Ian Fabre damit zu tun? Wieso wurde seine Glasplastik mit der weißen Schlange am grünen Kreuz zum Aufmacher dieser Diskussionsrunde? Ganz einfach: Weil sich Fabre – im Gegensatz zum Desinteresse anderer Künstler – seit Jahrzehnten mit dieser Problematik auseinander setzt.

Das war nicht immer so: Wer durch Europas berühmte Museen wandert bemerkt, dass die Religion über Jahrhunderte die „bildende Kunst“ monopolisiert hat. Sie diente ausschließlich dazu, die Erzählungen der Evangelien und das Leben Jesus zu visualisieren. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: zu ideologischen Propagandazwecken.

Fabres Pieta

Erst mit der Renaissance und der Aufklärung ergänzten „Menschen“ und die „Natur“ die bisherigen „heiligen“ Motive. Im 18. Und 19. Jahrhundert wurden die „kirchlichen“ Motive immer mehr verdrängt. Heute gibt es faktisch keinen Künstler mehr, der sich mit religiösen Motiven und der „christlichen Religion“ auseinander setzt. Die Religion ist aus dem öffentlichen Bewusstsein und dem öffentlichen Erscheinungsbild verschwunden. Sie hat sich in die Privatsphäre zurück gezogen – oder wurde in diese verdrängt.

Parallel dazu ist das „Christentum“ aus der bildenden Kunst verschwunden. Es gibt auch keine Auftraggeber oder Mäzene dafür. Es existiert kein „Kunstmarkt“ für dieses Genre. Den Kirchen ist ihre Macht abhanden gekommen. In der veröffentlichten Meinung sind sie dafür verantwortlich, über Jahrhunderte ihre Macht missbraucht, die Rechte der Frauen beschränkt und den Holocaust nicht verhindert zu haben.

Zusätzlich ging ihre Spiritualität verloren. Sie habenden Künstlern kein „Narrativ“ mehr zu bieten, mit dem sich diese auseinander setzen können. Jesus hat sich für diese im 20. Jahrhundert in den Kosmos verflüchtigt. In der soeben in Wien zu Ende gegangenen hervorragenden Ausstellung „WOW“ – ein Querschnitt aus der Sammlung der Familie Horten mit Werken aus dem 19. Und 20. Jahrhundert – ist kein einziges christlich inspiriertes Motiv zu entdecken.

Fabres Kreuzgang

Um so bemerkenswerter ist es, dass sich Ian Fabre dieser Lücke angenommen hat. Seine Kreuzesdarstellung ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Jesusgedanken – und dem, was die Kirchen mit ihren Dogmen aus Jesus gemacht haben. Die Darstellung lässt dem Betrachter viel Spielraum. Sie regt ihn dazu an, seine eigenen Gedanken über Religion und Jesus am Kreuze zu entwickeln. Dies ist auch die Zielsetzung dieser Diskussionsrunde – und eines vor der Herausgabe stehenden gleichnamigen Buches.

Jesus kannte keinen Teufel

Was Jesus wirklich predigte – dem geht es an Hand syrischer und griechischer Uraufzeichnungen auf den Grund: Jesus wurde von keiner königlichen Jungfrau geboren. Er kannte keine Hölle und traf keinen Teufel, der ihn in Versuchung führen sollte. Er hat sich nicht taufen lassen und wollte keine Kirche gründen. Er machte auch keine Himmelfahrt, um drei Tage später wieder auf Erden zu erscheinen. Diese Geschichten wurden erst später in die Evangelien eingeflochten – was viele der kirchlichen Dogmen über den Haufen wirft.

Die Zusammenfassung der Evangelien in einer einheitlichen und leicht lesbaren Chronologie ermöglicht es jedem Leser, sich diesem Thema vorbehaltlos zu nähern. Ein Werk, das auch jene, die glauben, alles über Jesus zu wissen, zum Nachdenken über den Erlösungsgedanken des Christentums anregen wird. Es ist an Zeit, sich von der Vorstellung eines die ganze Welt vorbehaltlos liebenden Jesus zu verabschieden.

 

 

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