Verwandte Kriege

Beim Krieg ist es wie bei einer Seuche: Beide gewinnen erst an Bedeutung, wenn sie uns selbst betreffen. Beim Krieg durch betroffene Freunde, unterbrochene Lieferketten oder diverse politisch motivierte Embargo-Vorschriften. Durch kalte Stuben und eine steigende Inflation. Die Ukraine ist da nahe, Äthiopien fern. Deren Krieg lässt uns kalt. Hier zeige ich  einige  Parallelen.

An der Front Ukraine-Front (Foto: ZUMApress)

Je näher der Krieg, desto stärker wird er spürbar. Desto größer wird die Angst, wie es weitergeht. Seine Präsenz wird zur Omnipräsenz. Befeuert von täglichen Frontberichten und dem Aufzählen neuer, zusätzlicher Waffen. Mit regelmäßigen Berichten über Verwundete und Tote. Das wird uns – je näher zur Ukraine – immer bewusster.

Ein tausende Kilometer entfernter Krieg berührt uns wenig. So spielt der Krieg in der Ukraine für Kalifornier keine Rolle. er lässt sie kalt. Diese Regel gilt auch für uns in Europa. Für uns ist ein Krieg in Äthiopien kaum eine Meldung wert. Obwohl dort im nördlichen Tigray genauso intensiv und verbissen gekämpft wird wie hier in Europa im Osten der Ukraine. Mit  vielen Toten, die keine Zeile wert sind.

Gefrorene Kriege

Beide Länder hatten eingefrorene Bürgerkriege, die plötzlich wieder heiß wurden. In Äthiopien Anfang November 2020, in der Ukraine im Februar 2022. Beide Kriege werden von außen befeuert. Es gibt Offensiven und Gegenoffensiven – und ständig mehr Tote und Verwundete. Der Unterschied: Die in Äthiopien eingesetzten Waffen sind etwas billiger. Doch auch dort gibt es Panzer und Drohnen und Flächenbombardements der Luftwaffe.

Friedensnobelpreisträger
Abiy Ahmed – Friedensnobelpreisträger

Ausgangspunkt des Krieges war die Amtsübernahme des jetzigen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed 2018. Damit verloren die bisher die Politik dominierenden Tigray – die drittgrößte Ethnie Äthiopiens – an Einfluss. Sie verlangten Autonomie, gründeten dafür ihre eigene Armee, die Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF). Vor zwei Jahren begann der Kampf – um ein Gebiet von rund 50.000 qkm im Norden Äthiopiens.

Die äthiopischen Streitkräfte haben zuletzt (Mitte Oktober) die strategisch wichtige Universitätsstadt Shire erobert. Ende Oktober gab es einen päpstlichen Freidesappell an die äthiopischen Streitteile. Tatsächlich führen diese seither Geheimgespräche in Südafrika – die Kämpfe gehen aber unvermindert weiter. Jeder will seine Verhandlungsposition durch militärische Erfolge verbessern.

Präsident Selenskyj - bei einer seiner Kampf-Aufrufe
Ukraine –  Präsident W. Selenskyj

Ausgangspunkt des aktuellen Krieges in der Ukraine war die Amtsübernahme durch den jetzigen Ministerpräsidenten Wolodymyr Selenskyj. Nachdem sein Russland-freundlicher Vorgänger Petro Poroschenko im Mai 2019 nach Moskau ins Exil geflüchtet ist, verloren dessen Anhänger an Einfluss. Selenskyjs Forderungen nach einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft und einer Rückeroberung der Krim wurden immer lauter.

geflüchteter Ex-Präsident P.Poroschenko
Ukraine-Ex-Präsident Petro Poroschenko

Die Unabhängigkeitsbestrebungen ostukrainischer Poroschenko-Anhänger und seiner russophilen Epigonen scheiterten. Der Versuch ihres Mentor Vladimir Putin, mit einem Blitzkrieg das Blatt doch noch zu Gunsten Russlands zu wenden, scheiterte. Er hat sowohl die ukrainische Verteidigungsbereitschaft als auch die militärische Unterstützung durch die USA unterschätzt.

Die Toten von Tigray

Äthiopien-Kenner sprachen zuletzt von mehr als 100.000 Toten, welche die „Eskalation im Tigray“ in den zwei Kriegsjahren bisher gekostet hat. Es ist ein Krieg fernab der Weltöffentlichkeit. Obwohl die Vereinten Nationen schon lange Alarm geschlagen haben. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind fünf bis sieben Millionen Menschen in Tigray auf humanitäre Hilfe angewiesen. „Die Gewalt und die Zerstörung in Tigray haben ein schockierendes Ausmaß erreicht“, befundete UN-Generalsekretär António Guterres die Lage.

Kämpfer in Tigray - Äthiopien
Kämpfer in Tigray – Äthiopien

Seit zehn Monaten gibt es nun Krieg in der Ukraine. Ein Friedensappell von Papst Franziskus an beide Streitteile Anfang Oktober blieb erfolglos. Dass die ukrainische Rückeroberung der Provinzhauptstadt Cherson nun den Frieden bringt, ist eher zweifelhaft. Im Vergleich zu Tigray ist die Zahl der Toten in der Ukraine noch gering. 15.000 bis 20.000 Gefallene auf russischer Seite, 20.000 tote Ukrainer, davon die Hälfte Zivilsten.

Gott Mars wird müde

Venus, Mars und Amor - Bild von Sandor Botticelli 1485
Venus, Mars und Amor – Bild von Sandor Botticelli 1485

Die Standard-Redakteurin Julia Raabe verweist in ihrer jüngsten Äthiopien-Recherche darauf, dass Menschenrechtsorganisationen allen Konfliktparteien schwerste Menschenrechtsverletzungen – von Vergewaltigungen bis hin zu ethnischen Säuberungen – vorwerfen. Das ist in Kriegen nichts Neues. Das gibt es auch in der Ukraine.

Kriegsgott Mars Ultor – der Rächer

Die Erfahrungen zeigen aber, dass nach einer gewissen Kriegsdauer die Kriegsparteien von einer zunehmenden Kriegsmüdigkeit befallen werden. Vielleicht gibt es daher in absehbarere Zeit in Äthiopien eine friedliche Lösung. Solch ein Frieden in Afrika ist weit weg von uns. Der Krieg in der Ukraine ist jedoch ganz nahe. Der scheint mir für einen Frieden noch zu jung und munter. Den werden wir in Europa daher noch einige Zeit zu spüren bekommen.

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