Die Intoleranz der Evangelien

Toleranz ist zum Modewort geworden. Etwa beim Mainstream, der damit gegen die „Hassprediger“ zu Felde zieht. Diesen Zug will auch Kardinal Christoph Schönborn nicht verpassen. Für ihn muss der Evangelist Markus herhalten, um sonntags in der Kronenzeitung die „richtige“ Toleranz zu predigen.

Vertreter christlicher Kirchen sollten bei diesem Thema jedoch ganz leise treten. Denn es sind die Kirchen und ihre Dogmen und nicht deren Gläubigen, die andere Religionen und Meinungen nicht gelten lassen. Bis hin zur Verfolgung, ja bis zu Religionskriegen, wie Schönborn offen zugibt. Die Historie zeigt, dass sich diese Kirchen und deren Autoritäten bei der „Toleranz“ auf ganz brüchiges Eis begeben.

Denkmal des Giordano Bruno in Rom am Campo de Fiori

Immer wenn ich in Rom am Campo de Fiori vorbeikomme, lege ich für Giordano Bruno eine kurze Gedenkminute ein. Dort steht seit 1889 sein Denkmal. Ein von Freimaurern initiiertes Mahnmal, gegen dessen Errichtung der Vatikan Sturm gelaufen ist. Bruno war ein neapolitanischer Ordensbruder, Philosoph und Astronom – der als einer der Ersten die Unendlichkeit unseres Universums erkannte. Das Göttliche lag für ihn als Pantheist in der Struktur des Universums, wofür er keinen personifizierten Gott erforderlich erachtete. Weshalb er auch die Marienverehrung verweigerte. Als bekannt wurde, fass er die Schriften des Kirchenvaters Hieronymus in der Latrine versenkt hatte, musste er vor der römischen Inquisition zu den Protestanten flüchten. Bis ihn auch die Calvinisten und Lutheraner wegen seiner Weltanschauung und seiner Lehre mit der „Kirchenzucht“ belegten und inhaftierten.

Früher wäre das Buch verbrannt worden

So war er sein Leben lang mit der Ablehnung von Gottessohnschaft und Jüngsten Gericht vor den Kirchen auf der Flucht. Getrieben vom Heimweh, kehrte er nach Italien zurück. Nach achtjähriger Haft wurde er am 17. Februar 1600 in Rom als Ketzer verbrannt. Erst vierhundert Jahre später ließ sich der Papst dazu herab, diesen in Gottes Namen vollbrachten Mord als Unrecht zu betrachten.

Theologe Gerd Luedemann, ein Ketzer der Jetztzeit

Der deutsche Theologe Gerd Lüdemann hat Glück, dass er im 21. Jahrhundert lebt. Denn seit dem Holocaust ist das Verbrennen von Menschen nicht mehr in Mode. Er beweist mit seiner Forschung die mangelnde Integrationsfähigkeit früher Christen. Der im ersten Gebot der alttestamentlich-jüdischen Tradition begründete Monotheismus hatte zur Folge, dass sie ihren Kontakt zu ihren heidnischen Mitbürgern stark einschränkten. Während andere Religionen loyal die Götter Roms respektierten, waren die intoleranten Christen wegen ihres exklusiven Gottesverständnisses dazu nicht in der Lage. Sie hielten ausschließlich den Vater Jesu Christi für den wahren Gott – wie schon zwei Jahrhunderte zuvor die Makkabäer nur Jahwe als Gott Israels und als einzigen Gott der Welt anerkannten.

„Alles andere waren nichts als böse Dämonen, wie immer sie hießen. Christen kauften ihr Fleisch nicht mehr beim heimischen Fleischer, da sie kein Götzen geopfertes Fleisch verzehren wollten; sie besuchten nicht mehr das Theater, denn die dort aufgeführten Spiele handelten von Pseudo-Göttern; sie nahmen in der von ihnen bewohnten Stadt nicht an den zahlreichen Festen für die verschiedenen Stadtgottheiten teil. Ihre Konvertiten rekrutierten sich hauptsächlich aus den unteren Schichten. Außerdem verweigerten sich die allermeisten der Diskussion mit gebildeten Heiden und verlangten von ihren Anhängern und Sympathisanten, keine Fragen zu stellen – war doch allein der Glaube allen wichtig.“ So skizziert Lüdemann lebensnah das Gemeindeleben der frühen Christen.

Die verschleierte Gefahr

Diese haben ihre Intoleranz aus der Thora des Judentums übernommen. Später ist dann der Islam diesem Beispiel gefolgt. „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf. Wenn sie aber bereuen und das Gebet verrichten und die Zakah entrichten, dann gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist Allvergebend, Barmherzig.“ Diese Sure 9:5 des heiligen Korans ähnelt der Hetze zu Pogromen und zur Ausrottung ganzer Völker, wie dies heute noch die heilige Thora und das heilige Alte Testament ungestraft propagieren dürfen.

„Wer nicht konvertiert, soll getötet werden. So geschieht es in Pakistan und Afghanistan, in Ägypten und Nigeria, kurz: wo immer der Wahn von einem islami(sti)schen Staat wütet“, bringt die kämpferische Menschenrechtsaktivistin Zana Ramadani die Problematik des Islam auf den Punkt.

Mehr dazu in Kürze –  in meinem nächsten Blog!

 

 

 

 

Die hohe Kunst der FAKES

König der Fälscher

Hitlers Tagebücher

Am 25. April 1983 verkündete das „stern“ – Magazin vor 17 Fernsehteams und 200 weiteren Reportern den Start der Veröffentlichung von Hitlers

Hitler Briefmarke 1942

persönlichen Tagebüchern in 62 Bänden. Auf Grund des weltweiten Interesses hatte der Bertelsmann-Verlag vorweg deren Echtheit durch den britischen Historiker Hugh Trevor-Roper und seinen US-Kollegen Gerhard Weinberg überprüfen lassen. Auch der US-Schriftexperte Ordway Hilton und der Schweizer Kriminalwissenschaftler Max Frei-Sulzer bestätigten an Hand von Schriftvergleichen die Authentizität dieser Tagebücher. Überdies hatte auch das deutsche Bundesarchiv keine Bedenken gegen diese handschriftlichen Aufzeichnungen.

Konrad Kujau, König der Fälscher

Niemand bezweifelte die Geschichte des deutschen Malers Konrad Kajau, wie er in den Besitz dieser Urkunden gekommen ist, die zu Kriegsende bei einem Flugzeugabsturz aus den Flammen gerettet werden konnten. Für den Kauf und die Veröffentlichung dieser Dokumente hatte der Verlag 9,3 Millionen Mark bezahlt. Erst eine Materialprüfung des Bundeskriminalamtes belegte, dass das Papier der Tagebücher erst nach dem 2. Weltkrieg erstmals produziert wurde. Die Tagebücher entpuppten sich als Fake aus der Feder Kajaus, der dafür neben seinem „Autorenhonorar“ eine viereinhalbjährige Haftstrafe kassierte.

Plinius – Briefe

Eine ähnliche Sensation gab es im Jahre 1502. Da schlug die erstmalige Veröffentlichung eines Briefwechsels zwischen dem altrömischen Senator und Schriftsteller Plinius dem Jüngeren und dem römischen Kaiser Trajan aus den Jahren 111 bis 113 n. wie eine Bombe in der humanistisch gelehrten Welt ein. Vierzehn Jahrhunderte lang hatte niemand von dieser nunmehr vom Veroneser Philosophieprofessor Hieronymus Avantius veröffentlichten Korrespondenz Kenntnis. Darunter zwei Briefe, in denen erstmals nichtchristliche Autoren die moralische Integrität und religiöse Standhaftigkeit der frühesten christlichen Märtyrer bezeugen. Texte, die bis heute von Theologen als frühestes nichtchristliches Jesus-Zeugnis bewertet werden.

Denkmal des Philosophen Plinius
Plinius der Jüngere

Dieser 61 n. geborene Plinius war ein Neffe des berühmten Schriftstellers Plinius des Älteren. Er hatte die klassische Beamtenlaufbahn absolviert und es dank seiner Familie und Begabung bis zum kaiserlichen Legaten gebracht. Im Jahre 111 wurde ihm die Verwaltung der kleinasiatischen Provinzen Bithynien und Pontus – im Nordwesten der heutigen Türkei – übertragen. In neun Bänden behandelte er – literarisch in Briefform gekleidet – alle damals relevanten künstlerischen, politischen und juristischen Themen des gesellschaftlichen Lebens in Rom. Ein „Highlight“ war sein Bericht über die Vesuv-Katastrophe, bei der auch sein prominenter Onkel in Pompeji ums Leben gekommen war.

Apostel Paulus trifft Seneca

Und nun tauchte fast fünfzehnhundert Jahre später ein zehnter Band mit kaiserlicher Korrespondenz aus der Frühzeit des Christentums auf. Quasi als Ergänzung zum Briefwechsel des berühmten Philosophen Seneca mit dem Apostel Paulus. In diesen vierzehn Briefen – davon acht von Seneca und sechs von Paulus – bestärkt der auf seinen Prozess wartende Paulus seinen Freund Seneca, am kaiserlichen Hof dem jugendlichen Kaiser Nero die Lehre Jesu zu verkünden. Eine Handschrift, die erstmals 392 n. vom Kirchenvater Hieronymus erwähnt wurde. Ein Briefwechsel, der bisher als unangreifbar echt galt. Dessen Echtheit jedoch um 1500 – somit knapp vor Avantius Veröffentlichung der neuen Plinius–Briefe – vom reformerischen Humanisten Erasmus von Rotterdam bezweifelt wurde. Der beurteilte es als eine „schamlose Narretei“, Seneca so reden zu lassen; und eine „Gotteslästerung“, Paulus derart triviale Worte in den Mund zu legen.

Avantius behauptete, dass er die Briefe von einem gewissen Petrus Leander übermittelt bekam. Der habe sie aus Paris nach Verona gebracht. Der venezianische Buchdrucker Monutius Aldus erwähnte dann in einer weiteren Auflage, dass der berühmte Geistliche, Architekt und Antiquar Fra Giocondo diesen Codex in einer Pariser Bibliothek entdeckt habe. Sämtliche spätere Verleger haben sich dann auf diesem Aldus berufen.

109 dieser Briefe stammen aus den 18 Monaten der Statthalterschaft in Bithynien, und zwar 61 von Plinius und 48 Antworten von Trajan. „Viele Briefe in so kurzer Zeit“, bemerkt dazu der evangelische Theologe Hermann Detering in seiner kritischen Abhandlung „Falsche Zeugen“ trocken. Deshalb gab es bereits vor der Erstausgabe 1502 Zweifel an der Echtheit dieses „Briefwechsels“. Neben der dubiosen Entdeckungsgeschichte dieser Handschrift stachen den Kennern der anderen Plinius-Bände auch sprachliche Ungereimtheiten ins Auge.

Plinius als Blogger

Dazu kam die Trivialität dieser „kaiserlichen Korrespondenz“, die weitere Zweifel nährte. Lapidare Mitteilungen ohne briefliche Einleitung, wie etwa über das Eintreffen eines Legaten aus Rom oder schlichte Geburtstagswünsche, für die sich der Kaiser artig bedankt. Wie dies heute auf Facebook üblich ist. Im Telegrammstill mit meist bedeutungslosem Inhalt, So scheint es Detering geradezu grotesk, dass Plinius – einst auch oberster Verwalter der Kloaken Roms – in Brief 98 Trajan als Bauherr berühmter Bauwerke (wie etwa die Donaubrücke) um die kaiserliche Zustimmung zur Eindeckung einer Kloake ersucht. „Wobei der Statthalter auf Antworten des mehr als 2.000 Kilometer entfernt in Rom lebenden Kaisers sicherlich mehrere Wochen warten musste.“

Hermann Detering als kritischer Theologe

Den Verfechtern der Echtheit geht es vor allem um die zwei sogenannten „Christenbriefe“, die das Märthyrertum früher Christen belegen. Sie berufen sich auch auf den Kirchenvater Tertullian, der als erster einen derartigen kaiserlichen Briefwechsel erwähnt. Allerdings verweist Detering auf die zweifelhafte Historizität der von Tertullian zitierten „Dokumente“: Der etwa die Registrierung von Jesus Geburt in den Archiven Roms bezeugt. Oder der von einem Brief Marc Aurels über ein christliches Regenwunder berichtet – das es nie gegeben hat. Oder der vom Apostel Johannes zu berichten weiß, dass dieser – in siedendes Öl geworfen – diese Tortur ohne Schaden überstanden hat.

Tertullians Phantasie hat auf andere Kirchenväter wie Hieronymus im 4. Jhdt. oder Marianus Scotus im 11. Jhdt. befruchtend gewirkt. Sie haben sich in ihrer Lehre auf diese Briefe berufen, ohne sie je gesehen zu haben. Tatsächlich ist die angeblich in Paris aufgefundene Plinius – Handschrift schon kurz nach ihrer Veröffentlichung verschollen. Jedenfalls scheint Frau Giocondo – volgo Jucundus Veronensis – der einzige gewesen zu sein, der diesen Codex je zu Gesicht bekommen hatte. Möglicherweise hat Tertullian einen Autor zu einem derartigen 10. Plinius Band animiert. Vielleicht stammt er direkt aus der Feder des Frau Giocondo als profunden Kenner der römischen Kaiserzeit, der damit Zweifel protestantischer „Kirchenfeinde“ an der Echtheit der Paulus/Seneca-Korresondenz zerstreuen wollte.

Plinius: Eine super Fälschung

Ob Plinius oder Seneca – mit beiden Namen haben spätere christliche Verleger jedenfalls ein gutes Geschäft gemacht. Die Echtheit dieser Werke kann heute niemand an Hand von Papier- oder Tintenproben überprüfen. Das Schicksal der Enttarnung gefakter Hitler – Tagebücher blieb dem „Parisianus“ bis heute erspart. Damit Theologen solch enttarnte Fälschungen nicht bei ihrem hässlichen Namen zu nennen brauchen, verpasste ihnen die Kirche eine neue wissenschaftliche Identität: PSEUDOEPIGRAPHIE – die Kunst, gefälschte Dokumente unters Volk zu bringen.

Toleranz? Toleranz!

Die Forderung nach Toleranz wird angesichts der Flüchtlingskrise in katholischen und evangelischen Predigten gebetsmühlenartig wiederholt. Aber wie schaut es damit in diesen Kirchen selbst aus?

Santissima Trinita dei Monti, Rom

Wer genau hinsieht muss erkennen: Die Grundlage dieses Glaubens basiert auf der Allmacht ihres einzigen Gottes – des christlichen Gottes. Diese Weltsicht schließt alle anderen Religionen und deren Gottheiten aus. Ihre Intoleranz ist systemimmanent:

Wer das nicht „glaubt“, der nehme einmal das katholische Glaubensbekenntniss unter die Lupe: „Ich glaube an Gott, den Allmächtigen…. und an Jesus Christus…er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, und dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten…“ Dieses Credo stammt aus dem Jahr 325, das von Kaiser Konstantin „dem Großen“ einberufen wurde, um seine Macht über die Kirche zur Einführung einer einheitlichen Staatsreligion zu nutzen. Und auf dem alle Andersgläubigen, die nicht diesem Credo folgen, zu Außenseitern wurden.

Konstantin der „Große“

Es stammt aus einer Zeit, als es noch sehr viele mehr oder minder große „Könige“ und „Fürsten“ gab. Inflationäre Titel, die wenig über die reale Macht aussagten. Weshalb sich besonders Mächtige als „König der Könige“ verehren ließen. So hatte auch der in Serbien geborene Konstantin alle Hände voll zu tun, die zwei konkurrierenden Kaiser zu eliminieren und sich als „Augustus“ (eine Art „Oberkaiser“) allein an die Spitze des römischen Reiches zu setzen. In einem Reich, in dem noch viele Götter verehrt wurden. In dem eine Göttin Minerva als Symbol der Toleranz und Beschützerin der Weisheit verehrt wurde. Die Kaiser Domitian (51 – 96 n.) sogar auf seine Münzen prägen ließ.

Mit Hilfe einer machthungrigen Kirche gelang es, einen Obergott als Herr über alle anderen existenten Gottheiten zu etablieren. Der selbstverständlich – so wie Konstantin selbst – über Allmacht verfügte, allmächtig war. Die bisher von Minerva beschützte Toleranz war damit passé.

Heilige Dreifaltigkeit

Diese weltlich-hierarchische Projektion der Macht hat sich auch in den religiösen Vorstellungen des Glaubensbekenntnisses als Basis dieser Kirche niedergeschlagen.

Dreifaltigkeitsdom, Moskau

Der Vater des Jesus musste der „Chef“ sein. Daher musste dieser auch der „einzige“ Gott sein, der alle Eigenschaften aller anderen damals im Reich verehrten Götter in sich vereinigt.

Deshalb wurde eine komplizierte Trinitätslehre erfunden: Mit einem allmächtigen Gott, einer „unbefleckten“ Maria und dem göttlichen Sohn Jesus, den sie vom „Heiligen Geist“ empfangen hatte.

La Trinité,  Paris

Doch wer die von Jesus in den Evangelien überlieferten Worte genau studiert, findet keinen Hinweis auf eine göttliche Allmacht.

Allmächtiger Gott

„Für Jesus war Gott gut wie ein Vater oder eine Mutter, aber nicht allmächtig wie für die Anhänger vieler Kulte und Religionen mit falschen Gottesvorstellungen“ verwirft der „Friedensjournalist“ Franz Alt in seiner Evangelienanalyse „Was Jesus wirklich gesagt hat“ den von der Kirche propagierten Allmachtsgedanken. Der mit „Toleranz“ als Grundbedingung für Humanität und geistige Freiheit nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Toleranz als grundsätzliche Anerkennung, dass es „die Wahrheit“ als einzige Wahrheit nicht gibt. Und damit auch keine Verfolgung von Häretikern und sonstigen „Ungläubigen“, welche die Einzigartigkeit des wahrhaft „Allmächtigen“ bezweifeln. Erst wenn alle abrahamistischen Kirchen auf ihren jeweils monotheistisch monopolisierten Allmachtsanspruch verzichten, können „Gläubige“ zu freien und toleranten Menschen werden. Erst dann ist der Weg zu den Jesus vorschwebenden friedlichen Gottesreich auf Erden geebnet.

Gottes Sündenbock

Katholische Kirche
Ein Sündenbock muss her!

Derzeit entsetzen sich Politiker unterschiedlicher Couleur über die Ausschreitungen im sächsischen Chemnitz. Eine Stadt, die in „den Asylanten“ einen Sündenbock für die herbei „gemerkelte“ politische Misere gefunden hat. Doch es gehört zur uralten Tradition vieler Völker , die Schuld eines „Volkes“ auf einen Sündenbock abzuwälzen.

Jom Kippur

Schon im Alten Testament (3. Buch Moses 16ff) wird dieser religiöse Brauch der Israeliten ausführlich beschrieben. Noch heute wird er am Jom Kippur – heuer am 18. Und 19. September – als höchster jüdischer Festtag (Versöhnungstag) gefeiert: „…so soll er den lebendigen Bock herzubringen.

Yom Kippur – Jom Kippur

Dann soll Aaron seine beiden Hände auf dessen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetat der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage; und man schicke ihn in die Wüste.“

Dieses Brauchtum war nicht überall so tierisch-harmlos. So wurden in der japanischen Provinz Owari gefangene Fremde oder Verbrecher zum Sündenbock gemacht. Denen wurde im Tempel – nach einer Reinigungszeremonie – ein Opferkuchen (Mochi) umgebunden. Dann wurden sie aus dem Tempel gejagt und bis zur Erschöpfung verfolgt.

Auch die alten Griechen brauchten einen Sündenbock. Dies insbesondere, wenn Seuchen eine Stadt heimsuchten. Dafür wurden einem Mann ein Kranz schwarzer Feigen und einer Frau einer mit weißen Feigen umgehängt. Dann wurden sie durch die ganze Stadt geschleppt, um alles Unreine an sich zu ziehen. Schließlich führte man sie aus der Stadt, steinigte und verbrannte sie. Ihre Asche wurde in das Meer und in den Wind verstreut.

Chemnitz zeigt:

Chemnitz als Sündenbock

Der Bedarf und der Glaube an einen Sündenbock haben nicht nur in der Religion Jahrtausende überdauert. Ein archaischer Glaube, der nicht mit heuchlerischen Politikerreden oder Polizeieinsatz, sondern nur durch Aufklärung – im Sinne Voltaires – zu beseitigen ist.

Friede im Kommunionsstreit

Abendmahl oder Kommunion

Was ist das: die Kommunion

Ist das Brot, das Jesus beim letzten Abendmahl gereicht hat, wirklich sein Fleisch? Ist der Becher mit Wein, den er seinen Jüngern zu trinken gab, wirklich sein Blut? Mit dieser Frage hat sich kürzlich Kardinal Christoph Schönborn in seinem „Sonntagsevangelium“ auseinander gesetzt. Er verweist dazu auf die wunderbare Speisung einer Volksmenge am See Genezareth im Johannesevangelium 6,51 – 58:

Jesus in der Bibel
Bild: Cuyter Black 2008

„Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sag ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohns nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde in auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm.“

Es waren diese Worte des Johannes Evangeliums, die den frühen Christen den Ruf einbrockten, sie würden bei ihren heimlichen Treffen kannibalische Rituale pflegen. Was selbst bei der allerlei Abartigkeiten gewöhnten römischen Society Abscheu erregte. Sie waren auch der Anlass, dass sich jene Anhänger von Jesus abwandten, die in ihm nur einen Manna vom Himmel zaubernden und Fische vermehrenden Rabbi sahen: „Abstoßend sind diese Worte – wer kann da nur zuhören!“

Da machte er seinen zwölf Aposteln klar: „Der Geist ist es, der Leben wirkt, das Fleisch ist gar nichts.“

Jesus am See Tiberias
Wunderbare Fischvermehrung

Und dies war auch die Botschaft, die er beim letzten

Abendmahl verkündet hat. Die offenbar nicht verstanden und daher unverständlich weiter erzählt wurde.

Die in Kürze erscheinende Evangelienharmonie „Jesus Fake“ kommt zu einer anderen Übersetzung: „Nach dem Essen nahm Jesus das Brot, dankte, brach es und sprach: Dies ist mein Leib, der gebrochen wird. Nehmt, esset und denkt an mich. Und er nahm den Becher, trank, reichte ihn den Schülern und sprach: Trinkt, dies ist mein Blut, das euch durchströmen soll zu einem neuen Liebesbunde. Ein neues Gebot gebe ich euch: Habt euch lieb! So sollt ihr euch lieb haben, wie ich euch geliebt habe. Denn daran, dass ihr euch lieb habt, werden die Menschen erkennen, dass ihr meine Schüler seid. Und niemals sollt ihr fröhlich sein, wenn ihr nicht euren Bruder in Liebe seht.“

Braucht Gott die Engel?
Leib Christi?

Das war der eigentliche Text, der bereits frühzeitig ins Unverständliche verzerrt wurde: Als Jesus Christus aramäische Predigten in fremde Sprachgebiete getragen wurde, mussten sie übersetzt werden. Und zwar frei nach den Worten des Bischofs Papias von Hierapolis (heute Pamukkale in der Türkei), einem Schüler des Apostel Johannes im frühen 2. Jahrhundert, zu den vielfältigen und widersprüchlichen Überlieferungen der Evangelien: Ein jeder übersetzte „so gut er es vermochte“. Fragwürdige Übersetzungen, an denen sich viele christliche Kirchen bis heute festklammern. Die letztlich – wie Schönborn richtig erkannte – auch vor 500 Jahren zur Spaltung der Christenheit beigetragen haben. Wie konnte man Jesus, der gekommen ist, uns vom Irdischen weg ins geistige Reich Gottes zu führen, den Gedanken der Entkörperung seines Wesens in Brot unterschieben? Einen Gedanken, der seinem Wollen und Wesen aufs schärfste widerstrebte! Ihn, dessen Reich nicht von dieser Erde ist, in ein Stück Brot bannen zu wollen.

Transsubstantiation:

Entweder hat Jesus uns von den lichten Höhen des Göttlichen ins Dunkel des Irdischen führen wollen – dann kann die Lehre von der Brotverwandlung echt sein; oder Jesus wollte uns vom Irdisch-Stofflichen weg ins Geistige führen, dann ist die Lehre von der Brotverwandlung falsch. Da kann es keinen Zweifel geben, was bei der Überlieferung echt und was falsch – fake – ist. Darüber können auch so zweifelhafte Worte wie „Transsubstantiation“ nicht hinwegtäuschen und Jesus-Schülern nicht weiter helfen. Auch wenn die Entwicklungslinien der Eucharistiefeier in den ersten Jahrhunderten nach wie vor unklar sind. Und Schörnborn bei seiner jüngsten Interpretation des „letzten Abendmahls“ – dem Sakrament der Eucharistie – versucht, sich mit dem Begriff „Kommunion“ als Synonym für das heutige „kommunizieren“ simpel einer Entscheidung zu ersparen.

 

 

Abraham trifft Ibrahim

Drei Religionen – ein Gott?

Seit Sonntag, den 19. August umrunden wieder einmal Millionen Gläubiger einen schwarzen Stein in der Kaaba von Mekka. Als Einleitung des viertägigen Opferfestes Eid al-Adha, bei dem weltweit 1,8 Milliarden Muslime ihres Stammvaters Abraham gedenken. Nach dem Morgengebet werden zu seinen Ehren weltweit Millionen von Schafen geschächtet, um an die Geschichte von Abraham und der von Gott angeordneten Schlachtung seines Sohnes Ismael zu erinnern. Eine Story, die ursprünglich vor fast dreitausend von den nomadisierenden Stämmen Israels erdacht worden war. Und die an den unabdingbaren Gehorsam der Juden an ihren Gott JHWH – sprich: Jahu – erinnert.

Gläubige in der Kaaba zur Gebetszeit

Mit einiger Berechtigung kann man sich fragen, was diese alte jüdische Erzählung im 21.Jahrhundert zu suchen hat. Ganz einfach: Mohammed hatte keine Zeit, eine eigene Geschichte über die Entstehung des Menschengeschlechts zu erfinden. Deshalb hat er einfach diese alt jüdische Story gekupfert und phantasievoll bereichert. Wie schon sieben Jahrhundert früher die Christen, die einfach die jüdische Thora zum „Alten Testament“ – zum heiliges Buch der damals noch jungen Kirche – erklärt hatten. Womit dank Mohammeds Bequemlichkeit der Grundstein zu den sogenannten „abrahamistischen Religionen“ gelegt wurde. Was heute manche Religionseliten eucharistisch von einer weltweit vereinten abrahamistischen Kirche schwärmen lässt. In der allerdings jede der drei Religionen das Primat beansprucht.

Führer – Ideologie?

Abraham schleift das Messer

Tatsächlich handelt es sich um eine Geschichte, die an den Kadavergehorsam des Dritten Reichs erinnert. Sie handelt von einem Führer, der von seinen Anhängern verlangt, dass sie für die Ideologie des Führers über Leichen gehen. Sogar über die Leichen ihrer engsten Angehörigen – in Fall Abrahams um die des eigenen Sohns. Bei den Juden und Christen soll der jüngere Isaak dem Gott geopfert werden, bei den Muslimen der erstgeborene Ismael. Es liegt nur in der Entscheidungsmacht dieses Führers, ob sein Befehl letztlich vollstreckt wird oder nicht. Dank des geistigen Horizonts der damaligen Nomadenvölker wurde dieser Führer einfach zum Gott erklärt, dem unbedingt zu folgen sei, um dessen Zorn zu vermeiden. Dass dieser archaische „Gott“ der Vater von Jesus sein soll – wie uns dies die katholische Kirche mit der Kanonisierung des Alten Testaments zur „heiligen“ Bibel weismachen will – wird von vielen Jesusanhängern einfach geistig verdrängt.

Für die Stadtväter von Mekka und Medina war die Anbetung dieses schwarzen Felsens schon immer ein gutes Geschäft. Auch heute sollen die Pilgerscharen Milliarden Euro in die Staatskasse spülen. Aus mohammedanischer Sicht ist daher an der Hadsch als eine der fünf Säulen des Islam nicht zu rütteln. Da es sich bei dieser Geschichte jedoch um jüdisch-christliche Urheberrechte handelt, sollten die Kirchen in Jerusalem und Rom an diesen mohammedanischen Geldsegen paritätisch beteiligt werden. Im Sinne der eucharistischen Idee könnten dafür zusätzlich Christen und Juden zur Hadsch nach Mekka in Bewegung gesetzt werden. Um dort gemeinsam ihres Urvaters Abraham zu gedenken.

Mordbefehl vom Teufel?

Sibylle Lewitscharoff

Verblüffend ist, dass sich diese Geschichte trotz der Aufklärung des 19. Jahrhunderts weiterhin in den Dogmen der sogenannten Christen bis ins 21. Jahrhundert festgefressen hat. Natürlich konnte das letztlich kein göttlicher Befehl gewesen sein, wie dies die Religionswissenschafterin Sibylle Lawitscharoff im Buch „Abraham trifft Ibrahim“ dazulegen versucht. An Hand einer göttlichen Maus, die dem dänischen Gottsucher Sören Kirkegaard in einer kalten Winternacht am 23.Dezember 1841 in Berlin erschienen ist und die ihm die wahre Geschichte über Abraham ausführlich erläutert hat. Eine Maus, die ihm erklärte, dass es der Teufel war, der Abraham diesen Mordbefehl suggeriert hatte. Der Teufel, der damit Abrahams Gottesfurcht auf die Probe stellen wollte. Tatsächlich habe Gott jenen Engel gesandt, durch dessen Kraft die mörderische Klinge um Haaresbreite die Kehle Isaaks verfehlte. Wa sich Isaak dann über seinen Vater gedacht hat, bleibt bei den Juden und Christen unerörtert. Nur Mohammed hat sich darüber Gedanken gemacht: Er ließ Ismael freiwillig zur Opferung schreiten – der konnte daher seinem Vater auch nicht böse sein.

Der von Gott gesandte Mohammed hat sich in seinem Koran stets mit diesem Ibrahim verglichen. Einen der 25 Propheten Gottes, allerdings von allerhöchsten religiösen Rang. Er kommt gleich nach den fünf Gesandten: Adam, dessen Aufgabe die Stellevertretung Gottes auf Erden war; Noah, der die Menschheit vor der Sintflut zu retten hatte; Moses, der ihnen die Gesetze bringen sollte; Jesus als Autor der Evangelien und letztlich als Krönung Mohammed mit der Niederschrift des ihm von Gott in die Feder diktierten Korans.

Glasfenster: Der rettende Engel

Ibrahims Anhänger sollten laut Gottes Verheißung nicht nur ins Paradies kommen, sondern nach ihrem Tod dort auch all ihre Freunde und Weggefährten wiedersehen. Vorausgesetzt, dass vorweg Ibrahim einen seiner beiden Söhne diesem Gott als Opfer schlachtet. Der religionskritische Irak Flüchtling Najeb Wali macht trotz aller Parallelitäten auf die Unterschiede im Islam aufmerksam. Denn Mohammed war sich der Problematik seiner Nacherzählung bewusst. Das ist auch der Grund, warum er ausdrücklich darauf aufmerksam macht: „Ibrahim war weder Jude noch Christ; sondern er war ein wahrer Gläubiger , ein Gottergebener.(Sure 3, 67). Einer, der sich und seine Nachfahren Gott unterworfen hat: „Ich habe mich ergeben dem Herrn der Weltbewohner“ (2, 131) Im Koran ist nicht Isaak das Opferlamm, sondern der Erstgeborene Ismael – der aus Gehorsam gegen Gott bereit ist, sich diesem göttlichen Befehl zu unterwerfen. Der allerdings nicht durch einen Engel, sondern von Gott höchstpersönlich vor diesem unerfreulichen Ende bewahrt wird. ( Sure 337, 107). Eine Unterwerfung, von der sich auch das Wort Islam ableitet. Aus dem arabischen „aslama“ – sich ergeben, Gott hingeben, was einfach mit „Unterwerfung“ übersetzt wird.

Unterwerfung

Verlag Suhrkamp

Ismaels Nachkommen verstreuten sich über das, was man heute die Arabische Welt nennt, die Länder zwischen der Arabischen Halbinsel und Syrien. Sie reden sich laut Wali ein, sie hätten eine sichere Heimat namens „Arabischer Union“, aus der sie alle vertrieben, die nicht zu ihrer Glaubensgemeinschaft gehören. „Ganzen Völkern und großen ethnischen Minderheiten wurde auferlegt, sich der Tyrannei dieser Nachkommenschaft zu beugen, sich an ihren ständigen Kriegen zu beteiligen“. Diese Auseinandersetzungen sind als religiöser Auftrag zu verstehen: Es handelt sich bei ihnen wie bei der gefeierten Opferung Ismaels um „die klare Prüfung“ (Sure 37, 106) des Gottesglaubens. Denn alle Menschen sind seit Mohammed zu jener „Unterwerfung“ verpflichtet, deren Ergebnis Michel Houellebeqc in seinem Roman „Unterwerfung“ bereits treffend prophezeit hat.

Wieso Jan Fabre?

Fabres kritischer Blick auf unsere Religion

Jan Fabre

Um sich für die Worte des Predigers Jesus von Nazareth zu interessieren, braucht man weder an Gott noch an die Kirche zu glauben. Es ist einfach spannend, den Gedanken und Vorstellungen dieser zweifellos außergewöhnlichen Persönlichkeit zu folgen. Wenn man sich mit dessen überlieferten Worten auseinander setzt, erhebt sich zwangsläufig die Frage: Fälschung oder Original? Denn Fälschungen gibt es nicht nur bei Kunstwerken. Die gibt es auch bei den Evangelien. Und gar nicht so wenig.

Fabre in Florenz

Deren Bearbeiter und ihre Epigonen waren – und sind auch heute noch – um die „Geschichtlichkeit“ ihres Messias bemüht. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde Jesus – in Verfälschung seiner Worte – von seinen Anhängern zum Messias und Gott erklärt. JESUS FAKE deckt die schon früh einsetzenden Verfälschungen im Interesse einer nach Macht strebenden jungen Staatskirche auf. Diese Tendenzen gibt es bis heute. Schon Immanuel Kant stellte fest: „Die Lüge ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.“ Diese sollen auf der neuen Diskussionsplattform kritisch hinterfragt werden. JESUS FAKE möchte damit das Interesse an Jesus Wirken wiederbeleben. Wer ihm dabei folgen möchte, benötigt dafür keinen gütigen und keinen strafenden Gott, keinen Himmel und keine Hölle und auch keine heilige Dreifaltigkeit.

„Die Selbstkritik hat viel für sich …“

Fabres kritisches Selbstportrait Eremitage – Foto: Hervé Leyrit

Aber was hat Ian Fabre damit zu tun? Wieso wurde seine Glasplastik mit der weißen Schlange am grünen Kreuz zum Aufmacher dieser Diskussionsrunde? Ganz einfach: Weil sich Fabre – im Gegensatz zum Desinteresse anderer Künstler – seit Jahrzehnten mit dieser Problematik auseinander setzt.

Das war nicht immer so: Wer durch Europas berühmte Museen wandert bemerkt, dass die Religion über Jahrhunderte die „bildende Kunst“ monopolisiert hat. Sie diente ausschließlich dazu, die Erzählungen der Evangelien und das Leben Jesus zu visualisieren. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: zu ideologischen Propagandazwecken.

Fabres Pieta

Erst mit der Renaissance und der Aufklärung ergänzten „Menschen“ und die „Natur“ die bisherigen „heiligen“ Motive. Im 18. Und 19. Jahrhundert wurden die „kirchlichen“ Motive immer mehr verdrängt. Heute gibt es faktisch keinen Künstler mehr, der sich mit religiösen Motiven und der „christlichen Religion“ auseinander setzt. Die Religion ist aus dem öffentlichen Bewusstsein und dem öffentlichen Erscheinungsbild verschwunden. Sie hat sich in die Privatsphäre zurück gezogen – oder wurde in diese verdrängt.

Parallel dazu ist das „Christentum“ aus der bildenden Kunst verschwunden. Es gibt auch keine Auftraggeber oder Mäzene dafür. Es existiert kein „Kunstmarkt“ für dieses Genre. Den Kirchen ist ihre Macht abhanden gekommen. In der veröffentlichten Meinung sind sie dafür verantwortlich, über Jahrhunderte ihre Macht missbraucht, die Rechte der Frauen beschränkt und den Holocaust nicht verhindert zu haben.

Zusätzlich ging ihre Spiritualität verloren. Sie habenden Künstlern kein „Narrativ“ mehr zu bieten, mit dem sich diese auseinander setzen können. Jesus hat sich für diese im 20. Jahrhundert in den Kosmos verflüchtigt. In der soeben in Wien zu Ende gegangenen hervorragenden Ausstellung „WOW“ – ein Querschnitt aus der Sammlung der Familie Horten mit Werken aus dem 19. Und 20. Jahrhundert – ist kein einziges christlich inspiriertes Motiv zu entdecken.

Fabres Kreuzgang

Um so bemerkenswerter ist es, dass sich Ian Fabre dieser Lücke angenommen hat. Seine Kreuzesdarstellung ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Jesusgedanken – und dem, was die Kirchen mit ihren Dogmen aus Jesus gemacht haben. Die Darstellung lässt dem Betrachter viel Spielraum. Sie regt ihn dazu an, seine eigenen Gedanken über Religion und Jesus am Kreuze zu entwickeln. Dies ist auch die Zielsetzung dieser Diskussionsrunde – und eines vor der Herausgabe stehenden gleichnamigen Buches.

Jesus kannte keinen Teufel

Was Jesus wirklich predigte – dem geht es an Hand syrischer und griechischer Uraufzeichnungen auf den Grund: Jesus wurde von keiner königlichen Jungfrau geboren. Er kannte keine Hölle und traf keinen Teufel, der ihn in Versuchung führen sollte. Er hat sich nicht taufen lassen und wollte keine Kirche gründen. Er machte auch keine Himmelfahrt, um drei Tage später wieder auf Erden zu erscheinen. Diese Geschichten wurden erst später in die Evangelien eingeflochten – was viele der kirchlichen Dogmen über den Haufen wirft.

Die Zusammenfassung der Evangelien in einer einheitlichen und leicht lesbaren Chronologie ermöglicht es jedem Leser, sich diesem Thema vorbehaltlos zu nähern. Ein Werk, das auch jene, die glauben, alles über Jesus zu wissen, zum Nachdenken über den Erlösungsgedanken des Christentums anregen wird. Es ist an Zeit, sich von der Vorstellung eines die ganze Welt vorbehaltlos liebenden Jesus zu verabschieden.

 

 

DORCAS – Jan Fabres Gazelle für Wien

Die Dorcas in natura

Dorcas – wer oder was ist das? Kaum einer konnte bisher mit diesem Begriff etwas anfangen. Bestenfalls ein paar Wüstenfreaks, welche dieser vom Aussterben bedrohten Gazellenart am Rande der Sahara begegnet sind. Die es aber auch in die Bibel geschafft hat. Wohlschmeckend galt sie geschächtet (Dtn 12.22) den Stämmen Israels als „rein“ und landete daher auch auf König Salomons Speisezettel (1.Kön 5.3).

Wegen ihrer Schnelligkeit und Anmut wurde die einst auch in den Wüsten Arabiens heimische „Ghazal“ der Inbegriff für Erotik und Sinnlichkeit. In der Traumdeutung signalisiert sie den Wunsch der Männer nach einer wunderbaren, aber nur schwer zu erobernden Frau. Und Spiritualisten sehen in ihr jene Leichtigkeit der Seele, nach der sie sich sehnen.

Dorcas – eifrig strickend

So ausgezeichnet, diente sie den alten Israeliten auch als hebräischer Frauennamen: Thabita oder auch Zibja – was im Griechischen zu Dorcas wurde. Und diese Dorcas – dem Namen nach eine schöne, aber schwer zu erobernde Frau – war in der Apostelgeschichte (Apg 9, 36-41) des Lukas eine Jüngerin Jesus. Dass diese außerordentliche Frau heute so wenigen bekannt ist, liegt vielleicht auch an Luthers Übersetzung, in der Dorcas zum Reh mutierte. Mit dem Begriff Gazelle hätten seine Landsleute wohl kaum etwas anfangen können.

Diese Thabita strickte Kleidung, um sie an Arme zu verteilen. Sie war der Inbegriff frühchristlicher Frömmigkeit. Als sie plötzlich erkrankte und in Joppe starb, wanderte gerade der Apostel Petrus auf Missionsreise nach Lydda, um dort Kranke zu heilen. Dorcas Anhänger riefen Petrus zu Hilfe – der auch prompt herbei eilte. Der sie mit den Worten „Tabitha, steh auf“ aus dem Jenseits ins Irdische zurück holte.

Für Lukas war eine derartige Auferstehung kein Problem. Er brauchte nur die alttestamentarische Geschichte der Wiedererweckung der mildtätigen Witwe von Sarpeta durch den Propheten Elija (1 Kön 17, 17-24) auf sein Idol Petrus übertragen. Auch hatte er mit Jesus Erweckung der Tochter des Jairus (Mk 5,21-24 ; 35-43) und der Auferstehung des Lazarus bereits berühmte Vorbilder. Und da die Evangelisten die Apostel nach Jesus Tod fast ins Überirdische erhoben, war in ihren Augen auch für den Apostel Paulus eine derartigen Totenerweckung kein Problem (Apg 20.7-12).

Matteo Sedda als Dorcas

Viele Jahrhunderte beflügelten diese Erzählungen die bildenden Künste. Doch dann gerieten sowohl die Witwe von Sarpeta als auch Dorcas in Vergessenheit. Bis die Vielschichtigkeit dieses Themas nun den Multikünstler Jan Fabre zu seiner tänzerischen Performance „The generosity of Dorcas“ inspirierte.

Bühnenbild: Jan Fabre

Im Odeon Theater feierte seine Kreation im Rahmen des internationalen ImpulsTanz-Festivals eine beeindruckende Weltpremiere. Die Musik von Fabres Lieblingskomponisten Dag Taeldeman scheint dem tänzerischen Solisten Matteo Sedda wie auf den Leib geschneidert. In den sich ständig steigernden Wiederholungen erlangt sie ein Intensität, die wir sonst nur von Ravels Bolero kennen. Unter Fabres Choreographie führt sie den virtuos tanzenden Sedda vor einem faszinierenden Bühnenbild aus Fäden und Nadeln hin zur körperlichen Ekstase – bis zu jener Trance, in die auch der rasende Reigen nahöstlicher Sufis mündet.

Dorcas – verhüllt

Ein Tanz, bei dem sich Dorcas Schicht für Schicht alles Materiellen, Irdischen zu entledigen scheint. Da wird das innere Sein zum Mittelpunkt des Universums. Ein Zustand, in dem sich vielleicht auch die „Gazelle“ Dorcas befand, bevor sie Petrus ins Irdische zurück holte. Eine Performance die zeigt, dass Tod und Auferstehung möglicherweise ganz anders aufzufassen sind, als uns dies derzeit kirchlich gepredigt wird.

Dorcas – enthüllt

Was macht die Schlange am Kreuz?

Hilfe aus der Apotheke

An der Symbolik der Schlange scheiden sich die Geister. Im antiken Griechenland hatte sie die Form einer Natter – und die war den Griechen heilig. Ihre Häutung war das äußere Zeichen einer ständigen Erneuerung. Sie war auch das Symbol für Asklepios, dem Gott der Heilkunst. Als Beherrscher aller magischen Heilkräfte gelang es ihm sogar, Tote wieder zum Leben zu erwecken. Dank des Blutes der Gorgone Medusa, das ihm Athene, die Göttin der Weisheit einst brachte. Womit Asklepios seine göttlichen Befugnisse überschritten hatte – denn mit seiner Hilfe könnte der Mensch Unsterblichkeit erreichen. Was Göttervater Zeus und seinem dadurch arbeitslosen Bruder Hades nicht ins Konzept passte. Weshalb Zeus seinen Götterkollegen samt Schlange mit einem tödlichen Blitz kurzerhand aus dem Götterhimmel eliminierte. Seine Natter blieb uns jedenfalls positiv in Erinnerung – sein Äskulap-Stab wurde zum Apothekenzeichen.

Die böse Kobra

Auch die altägyptische Mythologie hatte ihre Schlange – aber mit negativen Vorzeichen. Der Schlangengott Apophis mit seiner grünen, Gift speienden Kobra galt als Widersacher des Sonnengottes Ra. Jener Schöpfergott, der die Sonnenscheibe auf seinem Falkenkopf balanciert. Bei den Ägyptern stand die Schlange als Symbol für Zerstörung, Chaos und Finsternis. Sie musste jeden Tag von Ra auf’s Neue besiegt werden, damit die Sonne uns wieder das helle Bewusstsein des Tages beschert.

Sonnengott RA

Möglicherweise hat sich das schlechte Image der Schlange durch die berühmte babylonische Gefangenschaft auch in die jüdische Schöpfungsgeschichte eingeschlichen. Im Buch Genesis verflucht der Gott der Israeliten die listige Schlange, weil diese Adam und Eva zum argen Biss in den Apfel verleitet habe. Deren Verstoß gegen ein göttliches Gebot wurde als erster Sündenfall der Menschheit eine der populärsten Mythen der Welt.

Adam, Eva und die Sünde

 

Die erste Versuchung

Die frühen Judenchristen sahen keine Notwendigkeit, die Entstehung der Welt neu zu erfinden. Sie übernahmen einfach die biblischen Bücher und zimmerten sich um diese ihre neue Religion. In dem Buch „Adam, Eva und die Theologie der Sünde“ zeigte die amerikanische Religionsgeschichtlerin Elaine Pagels bereits 1991, wie die Schlange schon in frühchristlicher Zeit zum Symbol des Teufels wurde. Sie dient seither als Sinnbild der Versuchung und der Verführung zum Bösen. Sie wurde zum Gegenpol von Jesus, der neuen Lichtgestalt.

 

Die weisse Schlange

Für den belgischen Künstler Ian Fabre hat die Schlange daher eine doppeldeutige Symbolik. Seine Schlange schlängelt sich unschuldig weiß und ohne Natterkopf am Kreuz hinauf. Sie hat sich bis zum Skelett gehäutet und sich aller übler Attribute entledigt. An einem grünen, belaubten Kreuz – nicht an jenem harten Holzkreuz, an dem Jesus sein Leben aushauchte. Dieses belaubte Kreuz wurde so zum Symbol jener Wiedergeburt, wie sie möglicherweise einst von Jesus gelehrt wurde. Jene, die der alten, dunklen  Schlange folgen, ihrer Versuchung erliegen, werden nie aus den Klauen eines jenseitigen Gottes – dem der Finsternis – befreit. Sie folgen den niedrigen, erdgebundenen Kräften. Sie sind nach den Worten Jesus schon bei lebendigen Leibe tot.

Nur durch stetes positives Handeln – ähnlich der Häutung der Schlange in der griechischen Mythologie – kann der Mensch Freiheit durch Selbstbestimmung erlangen. Nur so erreicht er schon im Diesseits die Freiheit von jeder möglichen Fremdbestimmung – sei es durch Gott oder Gesetz, die Natur oder die eigenen vergangenen Handlungen. Für die, die der Schlange folgen, gibt es auch keine Auferstehung. Denn Jesus predigt keine Auferstehung toter Knochen, sondern eine Wiedergeburt im Geiste. Die findet nicht erst im Jenseits, sondern schon hier in diesem Leben statt. Bestünde der Sinn des Lebens nur im Jenseits – dann würde das dem Leben jeden Sinn nehmen.

Wer dazu Näheres lesen will, sollte sich das bald im Ibera-Verlag erscheinende JESUS FAKE vormerken. Eine neue Evangelienharmonie, die ohne biblische Schöpfungsgeschichte und ohne Sündenfall auskommt. In der Jesus daher auch nicht in der Wüste durch Luzifer – oder irgend eine Schlange – in Versuchung geführt wird. Ein Buch, das zeigt, was Jesus unter Freiheit und Selbstbestimmung gemeint haben könnte.

Was will JESUS FAKE ?

Ian Fabre, Venedig 2017

Was will JESUS FAKE nicht? Es will nicht die Welt verbessern. Davon gibt es bereits genug. Von vielen, die sich fälschlich auf Jesus berufen.

JESUS FAKE  will lediglich zum Nachdenken anregen. Auch das wollen viele. Aber nur wenige tun es wirklich.

Was haben Fakes mit Jesus zu tun?

Evangelium wird landläufig mit „Frohe Botschaft“ übersetzt. Das fußte auf dem Irrglauben früher Jesus-Jünger, ihr Meister werde nochmals lebendig auf Erden erscheinen und hier machtvoll sein neues Reich errichten. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Das war simpel ein Fake.

 

Schönborns halbe Wahrheit

 

Lukas statt Markus

Es ist erstaunlich, wie Kardinal Christoph Schönborn, unser Sonntags Krone Prediger, uns kürzlich die Bibel erläutert hat. Als er uns die Story von Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth erzählte. Nach Markus predigte er in der Synagoge, wo er über der „Unglauben“ seiner Zuhörer verwundert war. Und deshalb den berühmten Ausspruch tat: Nirgends hat der Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in der Familie.

Welch Schmerz bewegte Schönborn bei diesen Worten?: „Warum tun wir uns oft so schwer, Menschen anzunehmen, wenn sie anders sind, als wir uns erwarten? Ist Jesus bei uns wirklich willkommen?“ Mit den Evangelien hat diese Schörnborn’sche Interpretation nichts zu tun. Das wissen nur die, die tatsächlich die Evangelien lesen. Aber nicht jene, die sich auf Schönborn statt auf die Evangelien verlassen. Die schlucken daher anstandslos das Lamento, dass Jesus als Gutmensch bei den Seinen nicht willkommen war.

Vielleicht sollte Schönborn nicht Markus 6, 1b-6 zitieren, sondern Lukas 4, 16-28. Dort findet er die Erklärung, was Jesus in Nazareth wirklich gepredigt hat: Weshalb er nicht bloss auf Unverständnis stiess – wie etwa Schönborn, als er ins Kloster ging – sondern fast gesteinigt wurde. Was Schörnborn uns lieber verschweigen will: „ Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland. Aber wahrhaftig, ich sage euch. Es waren viele Witwen in Israel zur Zeit des Elia, als der Himmel verschlossen war drei Jahre und sechs Monate und eine grosse Hungersnot herrschte im ganzen Land. Und zu keiner wurde Elia gesandt als zu einer Witwe nach Sarepta im Gebiet von Sidon. Und viele Aussätzige waren in Israel zur Zeit des Propheten Elisa, und keiner von ihnen wurde rein als allein Naaman aus Syrien. Und alle, die in der Synagoge waren, wurden von Zorn erfüllt , als sie dies hörten. Und sie stiessen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn an den Abhang des Berges, um ihn hinab zu stürzen.“

Das klingt anders als die Schönborn – Story. Es ist ein Verweis auf den samaritanischen Propheten Elia im 1. Buch der Könige. Der wollte bei einer armen Witwe seinen Hunger stillen, die aber nur eine Handvoll Mehl und wenig Öl hatte. Der Gott für ihre Fürsorge für den Propheten künftig stets mit Brot und Öl versorgte und der ihren im Sterben liegenden Jungen überdies vor dem Tod bewahrte. Und es ist der Verweis auf einen nichtjüdischen syrischen Hauptmann, den der König Israels nicht von seinem Aussatz heilen konnte. Der aber dank seines Glaubens mit Elias Hilfe von seiner lebensbedrohlichen Krankheit befreit wurde.

Lukas erklärt uns den Unwillen der Nazarener nach Jesus Predigt: Er predigte den Seinen, dass Gott nicht einer Jahwe treuen Israelitin, sondern einem syrischen Heiden und einer fremden, phönizischen Frau seine Gnade erwiesen hatte. Ein Gleichnis, wie wir es auch aus der Erzählung über den armen Samariter kennen. Eine Geschichte, die manche In Wien durch einem Wandbrunnen des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt kennen, der dieser gutherzigen Heidin aus dem heutigen Libanon ein bleibendes Denkmal errichtet hat. Es war Jesus harscher Angriff auf den jüdischen Unglauben der Synagogen – Besucher, der ihn noch vor seiner Kreuzigung fast das Leben gekostet hätte. Das ist Lukas Version „über den Unglauben“, über die sich Schönborn künftig in „Jesus Fake“ informieren kann: eine noch heuer erscheinende Evangelienharmonie, die Jesus in einem neuen Licht erstrahlen lässt.

Dr. Friedrich Knöbl, 2340 Mödling

 

Gedankensplitter

Skulptur von F. Natale in Lecce 2017

Jesus am Kreuze

Die Glut ist da
doch wo ist das Feuer geblieben?
Es war’s nicht wert, die Welt zu erlösen
käm‘ das Johannes Evangelium nicht.
Sonst wär‘ die Erde wüst und leer
oder ist sie’s doch?
Ein Ameisenhaufen verglühter Wünsche
Bar jeglicher Illusion.
Könnt ich doch aufhören zu hören
Was aus den Fugen gerät
Und zu sehen
das alles zu Ende geht.

 

Mein Vater

Es zittern der Espen Blätter,
doch Vater
kannte das nicht.
Er ist sich bis zu seinem Ende
treu geblieben – warum auch nicht?
Die anderen nannten ihn
den Ewig Gestrigen.
Das kostet Mut – den heute kaum einer hat.
Ich – bin wie das Blatt
im Winde,
segle den Meinungen nach!
Wo lande ich am Ende
wenn kein Wind mehr haucht.